Warum ich erstmal keine elektronische Gesundheitskarte bekommen muss

Wie unzählige andere auch habe ich in den vergangenen Wochen Post von meiner Krankenkasse bekommen. Darin wurde ich aufgefordert, ein Passfoto einzusenden oder im Netz hochzuladen, mit dem die Kasse dann meine elektronische Gesundheitskarte (eCard) bestücken wollte.

Ich wollte das nicht. Nicht, weil ich komplett datenparanoid bin, sondern weil das konkrete Projekt unausgereift scheint. Im Zusammenspiel von bürokratischen und technischem Unvermögen sowie deutscher Datenschutzvorgaben ist ein meiner Ansicht nach völlig unbrauchbarer Zwitter entstanden. Im praktischen Einsatz quasi nutzlos, weil vom Datenschutz eingebremst und weil längst nicht alle Ärzte kompatible Technik und notwendige Netzugänge besitzen. Dafür aber technisch in der Lage, alles Mögliche über mich zu speichern ohne brauchbare Absicherung und Verschlüsselung. Quasi das schlechteste aus beiden Welten - Aluhüte und Postprivacy im dümmsten Mashup.

Zunächst habe ich deshalb die Post meiner Kasse ignoriert. Half nichts, sie schickten Erinnerungspost. Deshalb habe ich gestern Abend eine Mail an meinen Sachbearbeiter formuliert. Den ganzen Beitrag lesen

Berliner S-Bahn (gestrandet)

Für Peter

Da sitzt unter vielen anderen eine Person in einem fahrenden Zug. Zwischen zwei Bissen Rührei schaut sie aus dem Fenster des Bordrestaurantwaggons in den grauen Morgen. Hamburg liegt schon ein gutes Stück zurück, da steht auf einem Nebengleis an einem kleinen Bahnhof im Mecklenburgischen eine Berliner S-Bahn.

Die Farben des Zuges, das Dunkelkarmin, das Ochsenblutrot, das behäbige Gelb zerstreuten kurz aufkeimende Zweifel, ich hätte mich im Zug getäuscht. “Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir unseren nächsten Halt, Jerichow. Dort erhalten sie Anschluss an eine Berliner Stadtbahn.” Ich stelle mir den Dispatcher als grinsenden Mann vor. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob Jerichow heute einen Bahnanschluss hätte. An der Berlin-Hamburger Bahn läge es nicht. Den ganzen Beitrag lesen

Mash my book up

Im Frühsommer fragte mich Sven, ob wir von der Märchenstunde nicht etwas zum Thema Copy/Paste für die dritte Ausgabe des Architekturmagazins urban spacemag beitragen wollen. Ich wollte und habe (siehe unten) und seit kurzem ist das Magazin gedruckt und gestern kamen meine Belegexemplare und was soll ich sagen? Ich bin total begeistert! So fern mir Understatement liegt und so sehr ich zu meinem Text (siehe unten) stehe, es ist was Besonderes zwischen so viel großartige Gedanken ein paar Zeilen hineinkopiert zu haben.
Das Copy/Paste-Heft des urban spacemag ist ein Architekturfanzine, stilecht mit selbstgeklebtem Cover und tollen Stories. Über kopierte Städte, seriellen Orientalismus, urbanes Unkraut, Rekonstruktionsglaubensfragen, Urheberrechtsprobleme an Gebäuden und eben mein Text zu Copy/Paste in der (eurozentrisitischen) Literaturgeschichte, den ich, siehe unten, hier zweitveröffentliche. Freundlicherweise mit den tollen Bildern von Frederike Busch, die den gedruckten Artikel so aufwerten.
Freunde der Architektur, Freunde der Literatur, Freunde der Kulturgeschichte, Freunde des Copy/Paste, Freunde des Graubrots, kauft dieses Magazin!

CTRL-X, CTRL-V ist zwar eine moderne Abkürzung, das Prinzip dahinter aber findet sich schon in alten Rhetorik-Lehrbüchern. Covern klingt nach Pop und Rock, ist dabei auch nichts anderes als das Wiedererzählen ein- und derselben Story. Den ganzen Beitrag lesen

Die Weihnachtsgeschichte von R.

R. hatte gerade eine Berufsausbildung abgeschlossen damals Zuhause. Dann änderte sich dort das System. Bald war Krieg. R. verfolgt das bis heute. Trauma sagen die Ärzte. R. hat später hier eine Frau kennengelernt und nach ein paar Jahren kam ein Kind. Er hat alles getan für dieses Kind. Außer ihm Grenzen zu setzen. Stundenlang hat er mit dem Kind gespielt, am Tag und in der Nacht. Oft hab ich ihn draußen am Spielplatz gesehen, wie er geduldig das Kind auf der Schaukel geschaukelt hat. Im vorletzten Sommer wurde R eingebürgert. Er wollte das, auch um endlich Arbeit zu finden. Da war das zweite Kind schon unterwegs. Und als es da war, hat R. noch mehr als sonst den Haushalt geschmissen, sich um das große Kind gekümmert, das kleine im Wagen herumgefahren.

Dann war Weihnachten. Und Schnaps. Und dann schlägt er auf seine Frau ein. Sie holt die Polizei. Sie zeigt ihn an. Auch für zwei andere Male aus den Wochen zuvor, bei denen sie die Polizei nicht gerufen hatte. Er bestreitet diese andere Male. Sie zieht mit den Kindern weg in eine andere Stadt. R. darf den Kontakt zu ihr nicht suchen. Er versucht, sich umzubringen, hat aber Schiss davor. Das Jahr wechselt. Er will seine Kinder wieder sehen. Er geht zur Therapie. Er hört mit dem Saufen auf. Konsequent. Kontrolliert durch den Amtsarzt. Er will seine Kinder wiedersehen. Die Anwältin seiner Frau hat Bedenken. Das Jugendamt hat Bedenken. Er kämpft um die Kinder. Er verbockt ein Vorstellungsgespräch. Manchmal geht er bei einem Freund im Laden aushelfen. Meist sitzt er dort nur herum. Wie in der Wohnung, die er penibel sauber hält. Wenn er nicht zur Therapie oder zu den Anwälten geht, um für ein Treffen mit den Kindern zu kämpfen.

Im Herbst darf er für eine halbe Stunde in der fremden Stadt, wo seine Frau mit den Kindern lebt, im Jugendamt unter Aufsicht eines Jugendamtmitarbeiters seine Kinder sehen. Das große Kind freut sich, fasst schnell Vertrauen. Das kleine Kind kann mittlerweile laufen und plappern. Sie spielen 20 Minuten zu dritt. R. hat ein Video davon. R. strahlt seit 10 Monaten zum ersten Mal wieder.

R. muss sich vor Gericht für seine Gewalttätigkeit verantworten. Er gesteht, bittet wiederholt um Entschuldigung und bekommt eine Bewährungsstrafe. In Absprache mit seinem Anwalt bietet er ein symbolisches Schmerzensgeld an. Das Gericht lobt seine Besserungsbemühungen.
Vor wenigen Tagen wird R. mitgeteilt, dass das zweite Treffen mit seinen Kindern abgesagt wurde. Ein Arzt der Frau hatte im Sommer, als sie in einer Reha-Maßnahme war, den Eindruck, dass das große Kind Scheu vor Männern habe. Und nach dem Vater-Kind-Treffen im Herbst hatte es schlecht geträumt. Vielleicht hat es ein Trauma durch den Vater, meinen seine Frau und das Jugendamt.
R. verbringt Weihnachten allein.

Mann! Mann! Mann!

The shark
Bild: cc-by-sa mpires

Ein Gastbeitrag von Kata Strophe:

Eines vorweg: Ich lasse jetzt mal so prinzipiell und ganz bewusst diesen ganzen unlesbaren Kram mit -Innen, _innen und /innen, diesen feministischen Quatsch, weg. Es ist ja klar, dass auch Frauen gemeint sind, aber das muss man ja nicht immer extra erwähnen und um die Männer hat man sich in letzter Zeit eh viel zu wenig gekümmert. Und die Leute, die hier in Deutschland leben, aber aus anderen Kulturkreisen sind, das sind ja Mitbürger, und irgendwie auch mitgemeint, aber muss man ja auch nicht immer so politisch korrekt alles dazu sagen, das ist doch allen längst klar. Und diese türkischen Machos, die will ich auch gar nicht mit einschließen, weil die respektieren uns deutsche Frauen ja auch nicht!

So. Ich möchte Ihnen einfach mal wieder schreiben und das auch mal etwas ausführlicher, denn so ein SPON-Artikel kann ja nur an der Oberfläche kratzen von der Oberfläche, auf der ich mich befinde.

Es ist mir ein Bedürfnis, mit Ihnen, dem Wähler, in Kontakt und Austausch zu sein, vor allem über das, was ich in letzter Zeit so gelernt habe, und worüber ich jetzt einfach mal laut nachdenke – und ich finde Ihre Kommentare dazu interessant. Mir liegt es auch ganz persönlich am Herzen, Sie gleich am Gelernten teilhaben zu lassen, weil ich denke ja so wie Sie, der Deutsche (also Deutschinnen würde sich ja auch bekloppt anhören) und ich muss Ihnen ja nicht erklären, wie Sie denken. Und wenn ich mal nicht so denke wie Sie, dann kann ich mich trotzdem total gut in Sie reinversetzen.

Zum Beispiel beim Thema Kinderkriegen. Das ist mir immer noch total wichtig und ich wünsche mir auch selbst welche, und deshalb weiss ich auch, wie es Ihnen, den Familien, geht, kenne Ihre Nöte und Sorgen. Ich habe ja schließlich auch Eltern. Und was ich nicht weiss, das hat Röschen gezeigt, wie das so ist bei der typisch deutschen Großfamilie mit Pony und unzähligen Golden-Retriever-Welpen. Kinder sind eben ein Geschenk des Himmels und eine Frucht der Liebe.
Wie man diese Gottesgabe mit unterwürfigem Geschlechtsverkehr in Verbindung bringen kann, das fällt auch nur diesen homosexuellen Alt-68ern ein! Geschlechtsverkehr ist lebensnotwendig für die Menschheit und sichert unseren Fortbestand, aber diese alten Feministinnen haben das irgendwie mit diesem komischen Mann-Frau-Gefasel in Verbindung gebracht und behauptet, dass das was mit Macht und diesem Hierarchiezeugs zu tun hätte. Man stelle sich das mal vor: eine Gesellschaft, die die Unterwerfung der Frau braucht, um fortzubestehen, das wäre ja ein Patriarchat, also ein entsetzliches System, in dem ich nicht leben wollte!

Und deshalb gibt es das ja auch nur bei den anderen Kulturkreisen, diesen Machokulturen, die ich ganz oben auf meiner Agenda habe, das versichere ich Ihnen, liebe Deutsche. In aller erster Linie ist es mir dabei wichtig, Sie, den Schüler auf dem deutschen Schulhof, vor diesen Anfeindungen aus dem anderen Kulturraum zu schützen. Denn diese Machos, die mögen Sie, ja uns Deutsche, nicht; dafür, dass wir nicht in so einem System leben, dass die Frauen unterwirft, feinden sie uns an. Und das ist dann nämlich auch Rassismus. Darüber habe ich in letzter Zeit echt viel gelernt, weil ich mich ja nun um diese ganzen extremistischen Initiativen kümmern muss.

Also: wenn so eine migrantische Minderheit uns Deutsche dafür hasst, dass wir einfach in der Mehrheit sind und privilegierter und eben nicht so machomäßig ticken, dann nennt man das Deutschenfeindlichkeit und da dürfen Sie, lieber deutscher Bürger, zurecht verärgert darüber sein. Und auch ängstlich ja, das dürfen Sie und ich nehme das sehr ernst, denn: diese Minderheit, die bei allen gesellschaftlich und politisch relevanten Prozessen und Positionen die Hebel in der Hand hält, die dreht den Spieß ratzfatz um. Und das wäre ja eine Gesellschaft, also in der wollte ich nicht leben!

Aber nochmal zurück zu dem Faden, den ich immer verliere, wenn ich mal wieder über so viel Neues nachgedacht habe: die Frauen, diese notorischen Geisteswissenschaftlerinnen. Ich meine, wir leben ja nicht in so einer türkisch-arabischen Machogesellschaft und daher ist ja wohl jede Frau selbst schuld, wenn Sie nicht Elektrotechnik studiert. Sie könnte ja, wenn sie denn nur wollte. Ich nenne das Chancengleichheit – man muss sie eben auch nutzen, die Chancen! Und wenn Frauen dann doch mal als Ingenieurinnen arbeiten und weniger als ihre Kollegen verdienen, dann ist das schon problematisch.
Aber es gibt da ja nicht so viele Frauen in der Branche, das Problem trifft also nur wenige. Eine Frauenquote, dieses Eingeständnis politischen Versagens, wäre da ja völlig verfehlt. Wir müssen die Jungen und Männer fördern und nicht noch diese Quoten-Störerinnen in die Chefetagen und Vorstände loben. Und marktwirtschaftlich gesehen ist doch auch eines klar: für Unternehmen zählt die individuelle Leistung und nicht das Geschlecht, da schreibe ich den Chefs doch nichts vor.

Meine Rezepte gegen all diese Probleme kennen Sie, meine lieben Herren:
Erstens frühe Deutschförderung, denn es kann ja nicht sein, dass man im eigenen Land nicht mehr versteht, wie man beschimpft wird. Und zweitens männliche Erzieher und Lehrer in Kitas und Schulen. Es grenzt nämlich fast an ein Wunder, dass es überhaupt so viele Männer in gut bezahlte Jobs und in die Chefetagen schaffen, bei der Übermacht von Frauen schon im Kindesalter.
Und die letzten Studien, meine Herren, die haben es bewiesen: Sie, der Mann, ist, im Gegensatz zu den Frauen, schlecht in der Schule, kränker, depressiver und mehr Herzinfarkt gefährdet, ergo: Sie sind das eigentlich vernachlässigte, schwache, ausgebeutete Geschlecht in einer angeblich männlich dominierten Gesellschaft und Arbeitswelt.
Aber wie soll das denn bitte gehen? Denn wenn Sie, der Mann, wirklich die Macht hätten, dann lebten wir ja in so einem Macho-Patriarchat und das wäre doch echt plemplem und mit mir ja auch nicht zu machen. Als Ministerin bin ich ja das beste Gegenbeispiel – und warten Sie ab, bis ich als erste Frau im Weltall Ehe, Kinder und Karriere vereinbare, ohne dabei so feministisch rum zu lamentieren, dass das unmöglich sei.

Und deshalb sage ich auch meinen Kritikern in aller Deutlichkeit: wer meine Befunde nicht teilt, der muss auch sagen, wie er es besser machen würde. Und da habe ich in den letzten Jahren, gerade aus der feministischen Ecke, noch keine gangbaren Wege vernommen. Sie wollen immer nur die Verhältnisse mal grundsätzlich in Frage stellen und das alles differenziert sehen.
Also ich bitte Sie, liebe Kritiker, es ist doch nicht so schwer: Deutschenfeindlichkeit ist auch Rassismus und Feminismus ist auch Männerdiskriminierung.

Und das ist ja auch das freche, ja peppige an dieser, meiner spritzigen neuen Generation von konservativen Frauen – wir denken unkonventionell. Denn, liebe Besitzstandswahrer der angeblichen Errungenschaften des Feminismus, man kann das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, man muss es auch mal ganz frech und mutig richtig weit zurück drehen!

Worm Tamer

Ich halte Grinderman 2 für ein wunderbar nichtinnovatives Album. Ganz ironiefrei. Und das Konzert vor einiger Zeit in der C-Halle war das beste Kopf-frei-Blasen seit Langem. Und weil ich mir dort die Paperbackausgabe von “The Death of Bunny Munro” besorgt habe: Das war zu Jahresbeginn die schmerzhafteste Lektüre seit Langem. Ich mag Nick Cave.

VORSICHT!

Armer Heinrich

Am Samstag findet bei der grünennahen Böll-Stiftung die Konferenz mit barcamp-Anteilen “netz:regeln” statt, Co-Veranstalter ist der der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM).
Auf die peinliche anfängliche Nullquote von Frauen auf dem Podium wurde von Anne schon ausführlich hingewiesen. Damit ist aber nur ein irritierender Punkt der Veranstaltung, die die Typographie ihres Titels einigermaßen halbinspiriert bei der re:publica geklaut entlehnt hat, benannt:

Ein kleinerer ist der, dass die Böll-Stiftung in ihren Einladungen die Anmeldung nicht ausschließlich, wie die mitveranstaltenden Industrielobbyisten netzaffin über mixxt.de, sondern lieber über ein eigenes Webformular erbeten hat. Während ein Account bei mixxt.de mit einer Mailadresse recht datensparsam erstellt ist, verlangt das Formular der Stiftung obligatorisch zur Mail noch die volle Postanschrift und optional Telefonnummer und Fax. Hallo Datenschutz?

Von größerer Bedeutung aber ist, wie bei Anne schon angedeutet der Titel und mit ihm die Programmgestaltung.

Natürlich ist auch eine Vereinbarung, das nichts geregelt wird schon eine Regel (für alle, die’s ganz genau nehmen), allerdings ist “Netzregeln” durchaus zu lesen als Kampfbegriff der BITKOM gegen weitreichende Netzneutralitätsforderungen, wie sie beispielsweise in der grünroten Initiative “Pro Netzneutralität” von Malte Spitz und Björn Böhning vertreten wird. Dieser kann mensch durchaus kritisch gegenüber stehen, dennoch sei hier erinnert an die Äußerungen von BITKOM-Geschäftsführer Bernhard Rohleder nach einer Sitzung der Projektgruppe “Netzneutralität” der Enquetekommission “Internet und Digitale Gesellschaft” des Bundestages im August, der lieber von “Netzdifferenzierung” sprechen will.

Am Samstag wird es nun zwei Panels zur Netzneutralität geben.
Eines, das mit “Neutral bis zum Kollaps? Netzneutralität und Internetwirtschaft” schon eine reichlich suggestive Überschrift erhalten hat und mit Thomas Jarzombek (MdB CDU, IT-Unternehmer), Alexander Görlach (CDU-nah, The European Blog), Nikolaus Lindner (Leiter Government Relations bei Ebay, die “Pro Netzneutralität” unterstützen) und Wolfgang Kopf (Leiter Politik und Regulierung der Deutschen Telekom AG) nur bedingt kontrovers und vor allem komplett ohne Nutzerbeteiligung besetzt ist.
Das andere, im Anschluss an das erste stattfindende Panel stellt dann wohl den Gegenpol zum ersten dar: “Netzneutralität: Netzwerkmanagement aus Sicht der Nutzer/Verbraucher”. Es diskutieren: Dr. Iris Henseler-Unger (Vizepräsidentin Bundesnetzagentur, die ja so eigene Vorstellungen von Netzneutralität haben), Lutz Donnerhacke (AK Zensur), Dean Ceulic (eco - Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V.), Annette Mühlberg (Referat E-Government, Neue Medien bei ver.di) (angefragt) und Markus Beckedahl (angefragt).

Eine Vermittlung von gegensätzlichen Positionen findet so nur erschwert statt und das Agendasetting wird wohl aus reinen Abfolgegründen dem ersten Panel obliegen, während das zweite Gefahr laufen kann, nur noch auf das erste zu reagieren. Mein Gefühl, dass sich die Jungs in Panel 1 einiger sein werden als die zweite Runde, mag Paranoia sein, ich frage mich aber schon, warum hier ein Industrieverband (ich frage mich das mit Hinblick auf Interessenspluralität, unabhängig von deren Netzneutralitätsposition) mit von der Partie ist, während die Nutzer dort außen vor bleiben.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Böll-Stiftung hier nicht nur beim Thema Gender gepennt und das Thema Datenschutz nicht allzu sensibel bedacht hat, sondern sich auch noch weitgehend bei der Programmgestaltung auf BITKOM verlassen hat.
Aber vielleicht geben die anderen Panels, die Selbstbeteiligungselemente und die hoffentlich in Vielzahl teilnehmenden Frauen dem Tag noch eine buntere, emanzipatorischere und kritischere Wendung. Wenn BITKOM schon die Begriffe besetzen darf, können wir ja wenigstens die Inhalte füllen.

Obacht

Mittekinder

Heute war ich am Hackeschen Markt einkaufen. Weil es da einen Wochenmarkt und einen großen Bioladen gibt und ich also Mangold, Schwarzkohl, Rote Beete, glückliche Wurst, edle Pasta, mediterrane Frischkäsezubereitungen, tollen Kuchen, ausgefallene Joghurtsorten, handgemachten Börek und Strudel nicht nur frisch sondern überhaupt bekomme.
Das alles allerdings hat seinen Preis: Die Kinder der anderen.

Schon vor dem Aufzug im Bahnhof diskutiert eine geschätzt Vierjährige im Flokati laut protestierend mit ihrer Mutter wegen irgendetwas. Die Mutter nimmt ihre Hand, zeigt auf einen der äußerlich unversehrten Kinderfinger und erwidert: “Anais das ist eine Wunde, das geht nicht mehr weg, da müssen wir jetzt wohl zum Arzt, das muss operiert werden.” Dann kommt der Aufzug und Anais’ Mutter stiefelt Anais hinter sich herziehend in den Aufzug ohne hinter sich die Schlange an Kinderwägen, Rollstühlen und Rentnern zu beachten. Sollen doch die die Rolltreppe nehmen.

An der Wursttheke drängelt sich Paul vor mich. Er müsste wochentags so in die zweite Klasse gehen, jetzt wirft er sich gegen die Scheibe der Wurstauslage, tatscht darauf herum und macht mit der Zunge Schlieren aufs Glas. Seine Mutter kommt hinzu: “Paul, magst Du heute die Wurst kaufen? Ja?” Die Fleischereifachverkäuferin ignoriert das vor ihr stehende Kind gekonnt und dreht mir genüsslich ein Pfund Hack durch den Wolf.
Pauls kleiner Bruder prügelt indes energisch auf den Hintern seiner Mutter ein. Die fährt ihn an: “Ich hab Kopfschmerzen, verdammt!”

An der Kasse des Bioladens steht eine Eistruhe. Davor schreit ein Mädchen, dass sich mit aller Kraft an der halboffenen Truhe festhält, weil die Mama ihm kein Eis kaufen will. Die Mama zerrt am Kind, reißt an ihren Gliedmaßen und ruft den verstört zu ihr blickenden Mitmenschen: “Da muss man konsequent sein.”

Eigentlich hätte dieser Text “Mitteeltern” heißen müssen.

Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 ...17 18 19 Next