Verletzen

I.
Sag mal, wolltest Du ihr eigentlich weh tun? Sie ließ mir keine andere Wahl, hab ich gesagt. Hätte ich mit Ansage gehandelt, das wäre alles schief gegangen, hab ich gesagt. Hab ich recht? Zumindest fällt es mir schwer, die Karten auf den Tisch zu legen. Konfliktscheu. Bequem.
Moment.
Welche Konvention, welche Tradition, welche Prägung bringt mich denn dazu, dass ich nicht ruhig tun und lassen kann, was ich für richtig halte?
Wieso hat dieses Mimosentum eigentlich die große Kraft, mich in Rechtfertigungsdruck zu bringen?

II.
Eigentlich würde ich dir gern eine reinwürgen. Eigentlich hätte ich mehr als eine Erklärung dafür, warum das alles so schief läuft bei dir. Ja, schief läuft. Auch wenn du so tust, als ob das normal wäre. Du hast so konsequent Fehler gemacht, dass du das jetzt verschleiern musst. Irgendwie will ich Dir das sagen. Weil du mir zuviel bist. Aber dann wär ja ich der Arsch, der Deine Schwachheit nicht respektiert. Also halt ich die Fresse und fress das in mich hinein.

III.
Du bist ein Trampel. Und dumm. Du bist laut. Und kein bisschen zurückhaltend. Bin ich der, der Dir das sagen muss? Oder kann ich warten, ob es egal wird? Muss ich warten, bis es egal wird? Ich bin nicht der einzige der das so sieht. Aber alle schweigen. Weil sie Deine Reaktion fürchten? Weil sich persönliche Kritik nicht gehört? Keiner traut sich.

IV.
Du ist nur ein abstrahiertes Beispiel. Sie auch. Ich nicht. Wer eins dieser Personalpronomen auf sich bezieht, fühlt sich berechtigterweise angesprochen, auch wenn konkret du, sie oder ich hiermit nicht gemeint waren. Wer eins dieser Personalpronomen auf sich bezieht, hat ein Problem.

Was ist mein Problem, dass ich Dich schier nicht aushalte? Und Dich auch nicht? Und Dich. Was ist mein Problem, dass ich Dich dennoch ertrage? Und Dich auch? Und Dich. Wieviele seid ihr? Oder bin ich es? Warum kotzt ihr mich so an? Woher kommt diese Wut? Gestern gings mir doch so gut. Eingentlich ist doch alles super. Zumindest bei mir. Kann mir doch der Rest egal sein. Heul Du doch. Eigentlich nicht mein Problem. Warum doch? Weil am andern immer die eigenen Fehler nerven? Weil die offenen Karten offene Messer wären, in die dann auch ich laufen würde?

Überladen

Zuviel Material, zuviel Moral, zuviel Intrige, zuviel Karriere, zuviel Altlasten, zuviel Publikum, zuviel Geschwätz, zuviele Schmerzensmänner (und -frauen), zuviel.

Erste Reaktion: Den geliebten Ballast abladen und hart bleiben.

Blöde Idee.

Neue Idee: Besser Aufpassen. Mal wieder neu laden (Das dieses System aber auch nicht stabil laufen kann!). Nicht alles aufnnehmen, nicht alles annehmen. Weil unzustellbar heißt, dass der Blick offen bleibt.

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Stelenboden

Sagt mal, wo kommt ihr denn her?

Echt mal jetzt. Ich schreib hier kaum was, aber dafür kommentieren relativ gesehen dauernd Leute. Fast zwei Jahre lang war das auf dem alten Blog anders. Egal, ob ich von A-Bloggern verlinkt wurde oder nicht, es kommentierten, wenn überhaupt, nur die Homies. Hier kommentieren dazu noch neue, andere Leute. Toll das. Freut mich. Aber warum war das vorher nicht so? Ist es einfacher, bei Wordpress-basierten Blogs zu kommentieren? Gibt es einen Ethik-Code, der das Kommentieren bei blogger.com-Blogs echten Bloggern verbietet?
Wie auch immer: Schön, dass ihr vorbei schaut!

dein arbeitsplatz, mein lieblingscafé, du arsch

diese grundidee, lattemacchiatotrinken zur arbeit zu deklarieren, behagt mir. ich nehme mir selbst gern die mobile schreibmaschine mit in die örtliche gastronomie. alles super. aber wieso sind die drei sofaecken für vier personen immer immer immer von jeweils genau einem digitalen bohemien besetzt??? wie assozial ist das? warum muss ich mich mit drei freuden an den katzentisch setzen, weil du und dein macbook unbedingt eine couch und zwei sessel belegen müssen?
dumme sau.

Die Losung lautet Lesung

culture
(cc by flood)

Lesen im engeren Sinn bedeutet, schriftlich niedergelegte, sprachlich formulierte Gedanken aufzunehmen und zu verstehen.

So steht’s in der Wikipedia.
Lesen hatte mein Leben lang einen wichtigen Platz bei mir. Ich sollte viel lesen, fanden meine Eltern, ich las viel. Ich war sogar mal bei einer Weinlese dabei. Und Auslese hab ich auch schon getrunken. Aber ich hab auch viele Bücher gelesen. Und mich dabei verlesen und verliebt. Ins Lesen. Und in der Folge ins Vorlesen.
In der gymnasialen Unterstufe kam der Konkurrenzgedanke der westdeutschen Wettbewerbswelt bei meiner Leselust an. Es wurde erst der Vorleseschulmeister, dann der Vorlesestadtmeister, der Vorlesekreismeister und gar der Vorleselandesmeister gesucht. Im Deutschunterricht wurde wie heute beim Bohlen der Lesesuperstar gecastet.
Natürlich hat damals so ein blödes blondes Mädchen das Rennen gemacht.
Mir egal. Ich lese dennoch gerne vor. Zuletzt am vergangenen Samstagabend den Nachbarsjungen. Die fanden das so toll, dass sie umgehend einschliefen.

Und heute, den 16.10.2008, lese ich schon wieder vor. Zusammen mit zwei netten Jungs. Eingeladen von einem anderen netten Jungen. Genauere Informationen habt ihr wahrscheinlich schon hier gelesen. Oder hier. Oder hier.

Vielleicht sehen wir uns ja. Wenn nicht live, dann vielleicht im Fernsehen of teh Interwebs.

Reading
(cc by roka)

Kommt herunter, reiht euch ein?

Ich war ja schon auf einigen Demos. Damals, in den 1990ern gegen Nazis, gegen den Irakkrieg vom alten Bush, für den Frieden, für Jugendhäuser, gegen Kohl. Im neuen Jahrtausend gegen den Irakkrieg des zweiten Bushs, für eine bessere Hochschulpolitik, für Wagenburgen und besetzte Häuser, gegen das System. Zuletzt gegen Vorratsdatenspeicherung und Co.
Die Demo vergangenen Samstag zu diesem Thema hat mir die Sinnfrage zum Demo-Besuch auferlegt. Mir ist es wichtig, mehr Engagement als nur das Kreuz des Wählers zu zeigen. Ich glaube, dass öffentlicher Protest nötig ist und wirksam sein kann. Die Verhinderung des Treffens islamfeindlicher Neorechter vor einigen Wochen zeigt eindrücklich, dass “reclaim the streets” die richtige Forderung sein kann. Aber die gute alte Latsch-Demo, ist die noch das richtige Mittel für Protest?

Natürlich ist es eine beeindruckende Sache und sehr sehr demokratisch, libertär und angstfrei, wenn religiöse Gruppierungen, Berufsverbände, bürgerliche Parteien und linksradikale Strömungen angesichts des gemeinsamen Gegners “Freunde des Überwachungsstaats” sich in ihrem Dagegen verbünden, die Differenzen zu Hause lassen und zusammen protestieren. Aber will ich wirklich mit den Jungliberalen auf einer Demo sein?

Will ich auf einer Demo mitlaufen, bei der eines der größten Transparente Werbung für Youtube verkündet, statt sich den Forderungen der Veranstalter anzuschließen?

Fehlt es mir am Wissen, um die kulturellen Codes der linkspolitisch aktiven Kids zu entziffern, oder waren die pechschwarz angezogenen Teenies in den nagelneuen Markenklamotten und den glattrasierten Schädeln und den markig-machohaften Begrüßungsgesten am Ende gar keine Antifas, sondern echt nur auf Krawall (den es gar nicht gab) aus?

Was bringt eine Latschdemo am Sonntagnachmittag über eine Einkaufsstraße, auf der einen höchstens Touristen wahrnehmen?

Mehr als mediale Aufmerksamkeit (die ja durchaus von Bedeutung ist), kann so was nicht bringen. Wenn dann aber die Demoleitung so, Entschuldigung, saublöd und/oder unerfahren ist, völlig utopische Teilnehmerzahlen herumzuposaunen, dann wird die Gier nach dieser Aufmerksamkeit peinlich. Meine direkten Mitdemonstranten sind meine Zeugen, mir kam die Größe des Demozugs von Anfang an traurig klein vor. Ich kenne das Spiel, dass die Polizei sehr sehr knapp zählt, die Veranstalter aber großzügig aufrunden. Und ich war in den vergangenen mehr als 15 Jahren auf genug Demos, gerade auch in Berlin und dort Unter den Linden, dass ich mir zutraue ungefähr vergleichen zu können. Ich hatte während der Demo gehofft, dass wir über 10.000 sind und war positiv überrascht, als die Polizei von 15.000 Teilnehmern sprach, was wohl heißt, dass es doch ein paar mehr waren. Mehr als 30.000 aber wohl kaum.
Sind das wenige?
Jein, mit einer Tendenz zum Nein. Für eine zentrale, bundesweite Demo zu einem so existentiellen Thema wie Freiheit, Grund- und Bürgerrechte ist ein Fußballstadion voll Leute immer traurig im Vergleich mit beispielsweise den Zuschauerzahlen eben der Bundesliga. Und wenn 30.000 erwartet wurden und höchstens so viele kommen ist das auch nicht berauschend.
Andererseits: Zu einer Demo im Nordosten der Republik am Sonntagnachmittag werden wohl kaum sonderlich viele Berufstätige aus Freiburg oder Garmisch-Partenkirchen anreisen. Der Termin sprach jetzt nicht gerade für überbordenden bundesweite Teilnahme. Und dennoch waren es deutlich mehr als vergangenes Jahr. Und das, obwohl mit Bankenkrise, Börsencrash und Co. gerade andere Themen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sicher oben stehen. Es wäre also gar nicht nötig gewesen, völlig falsche Zahlen herauszubrüllen (dies ist wohl mittlerweile Konsens, in der Pressemitteilung zur Demo werden keine Teilnehmerzahlen genannt, nur die Länge des Demozuges angegeben).

Ich bin kein pietistischer Protestant und kein altlinker Dogmatiker. Ich erlaube mir, Spaß zu haben. Auch auf Demos. Gern auch mit tanzbarer Musik. Es geht ja ums Präsenz-Zeigen und nicht darum, möglichst traurig zu sein. Aber nach einen sonnigen Herbstspaziergang zu Technomusik erst aufgekratzte Entertainmentsprüche statt einer Abschlusskundgebung hören zu müssen und dann kommt Dr. Motte und schwurbelt sinnloses Zeug daher, das ist nicht so ganz meine Idee von politischer Kundgebung. Aber ich hielt die Berliner Love Parade auch für eine Party.

Und dann gibt es da noch eine Humorgrenze für mich: Der staatliche Überwachungswahn ist Teil einer Ideologie und Teil einer Industrie. Das Misstrauen gegenüber den Beherrschten ist bei konservativen Machteliten sehr sehr groß. Die Profitmöglichkeiten derer, die dank laschem Datenschutz etwas verdienen können, auch. Die steigende Überwachung und die Beschneidung der bürgerlichen Freiheiten haben komplexere Ursachen als “Schäuble”. Nun mag dessen Konterfei eine gute Schablone, ein passendes Label für den eigenen Protest hergeben, immer hin entblödet sich der Bundesinnenminister regelmäßig mit neuen Ideen, wie er uns kollektiv einsperren kann. Aber: Die aktuelle sogenannte Sicherheitspolitik hat nun mal eher gar nichts mit Herrn Schäubles attentatsbedingter Lähmung zu tun. Traurig, dass darauf auch am vergangenen Samstag immer wieder angespielt wurde.

Ebenfalls allergisch reagiere ich auf Kinder-Instrumentalisierung bei Demos. Offensichtlich noch vor dem Stimmbruch stehende Kinder haben meiner Meinung nach nicht die reflektorische Fähigkeit zu verstehen, wofür genau sie gerade demonstrieren. Muss auch nicht sein. Um das zu lernen, werden sie groß und je früher sie solche Veranstaltungen kennen lernen, umso mehr Erfahrung werden sie hoffentlich später haben, um ihr eigenes politisches Engagement zu definieren. Aber wenn diese Kinder dann Demoparolen über den Lautsprecherwagen schreien dürfen, dann kommt mir das unpassend und lächerlich vor.

Das kommt jetzt viel vertrockneter als ich es meine, aber unterm Strich hat mir da am am Samstag ganz massiv der angemessene Ernst und der Bezug zur Sache gefehlt.

Berlin weiht zentrales Denkmal zum Tschetschenien-Krieg ein!

Palastruine
Das Denkmal steht auf der Museumsinsel mitten im Herzen Berlins. Zyniker behaupten, hier wird lediglich ein stück politisch ungeliebte Architektur sinnlos abgerissen.

That’s why I love it

We have all the amazing technology and yet, computers have turned into four-figure wank-machines. The internet was supposed to set us free, to democratize us but … but all it has really given us is Howard Dean’s aborted candidacy and 24 hours access to kiddy-porn. You know, ah, people they … they don’t write any more, they “blog”. (…) It just seems to me that it’s just a bunch of stupid people pseudo-communicating with a bunch of other stupid people in a proto-language that resembles more what caveman jused to speak than the king’s english.
(Hank Moody)

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