Blindengrammatik

Blind

Liebe Christoffel Blindenmission,

euer Plakat wirbt sicherlich für eine gute Tat. Aber: Ist der Kranke heilbar oder die Krankheit? Ich meine, da hat euch die Werbeagentur eine holprige Satzkonstruktion untergejubelt. Ich bin allerdings kein ausgewiesener Grammatiker. Vielleicht weiß ja jemand hier mehr..

4 Kommentare

  1. miss sophie 02.11.2008

    Der beschriebene Fauxpas hängt nur zum Teil an der Satzsemantik, die auf der Satzkonstruktion/Grammatik sowie der Wortwahl basiert. Das Adverb “heilbar” bestimmt den Aussagehalt des gesamten Satzes (in intellektuell: ist der Prädikator). Und heilbar ist das, was an der Subjektposition steht: “jeder zweite Blinde”. Soviel zur linguistischen Fingerübung ;).

    Das Spannende ist ja in der Tat eher die Semantik bzw. die Konnotationen, die die Korrelation Person und Krankheit mit sich bringt. Wer eine Krankheit hat, ist in unserem Sprachgebrauch zugleich der Kranke.

    Die Krankheit wird eine grundlegende, signifikante Eigenschaft der Person.

    Ein Beispiel: Meine Mum hat Bluthochdruck. Sie empfindet sich selbst nicht als krank, aber ihre Ärztin meinte letztens zu ihr (mit Bezug auf den Bluthochdruck), sie sei ja jetzt krank. Da ging’s auch noch um Anträge für ne Kur und dergleichen, war also keineswegs abwertend gemeint.
    Genau das - das Abwertende - suggeriert aber das Prädikat “krank sein”. Daher vielleicht dein latentes Unwohlsein ob dieser Satzkonstruktion auf dem Plakat.

  2. Ist mir gar nicht aufgefallen, aber jetzt wo Du’s sagst…. Ganz schön heftiger Lapsus.

  3. Entschuldigt den Doppelpost. Zum Thema wollte ich noch einwenden, dass es ja ein bißchen ist wie mit „Du bist Deutschland“. Da wurde auch die Eigenschaft (Staatsangehörigkeit) auf die Person so projeziert, dass der einzelne sich etwas reduziert vorkommen musste. Vor allem, was die von JvM damals vielleicht nicht bedacht haben, ist das ja auch nicht unbedingt etwas so Schönes ist, deutsch zu sein. Es ist freilich auch nicht so schlimm wie blind zu sein, aber es gibt auch besseres.

    @miss sophie: Wäre gut möglich, dass deine Mutter gar keinen Bluthochdruck hat. Das sind ja feste Blutdruckwerte, ab denen der Druck als hoch gilt, bloß werden diese Werte auf Betreiben der Pharmalobby immer weiter abgesenkt. Hab jetzt beim spontanen Googeln das hier gefunden (gibt auch bessere Quellen):

    Was ein optimaler Blutdruck ist unterliegt einer veränderten gesllschaftlichen Betrachtungsweise. So lag im Jahre 1998 der Normalwert bei 150:90, das hat 8000 Hypertoniker zu folge. Im Jahre 2003 wurden 120:80 (Prähypertoniker) als schon schlecht angesehen, was 1,2 Millionen Hypertoniker nach sich zog. Kritiker sprechen hier von einer künstlichen Generierung von Kranken.

    Das mag jetzt vielleicht etwas VTisch klingen, aber ist so. Manche Ärzte bekommen jede Menge Zuwendungen von Pharamareferenten, zum Teil in Bar, für jeden Patienten, den sie auf ein bestimmtes Medikament einstellen. Ich will damit nicht sagen, dass deine Mutter nicht wirklich krank ist, kann ich ja gar nicht beurteilen, aber ein bisschen vorsichtig sollte man sein — zu viele Medis sind auch nicht gut.

  4. miss sophie 06.11.2008

    @frank oha. danke. immer gut, die geschichte im auge zu behalten…

Kommentar schreiben