Programmvorschau

Was man gern mal im Fernsehen sehen würde, aber eben nicht zu sehen bekommt, lässt einen in der Regel die Flimmerkiste eher als Relikt einer vergangenen Zeit behandeln.

ABER:
Die wunderbaren Popkulturaufarbeiter, die ménage à trois der Internetmeme, die nomnomnom-Lieben eben, haben ab Samstagnachmittag vor, 24 Stunden am Stück Fernsehen zu schauen.
Und das in Zeiten des Internets!!!

UNFASSBAR!!!

Und weil sie ein bisschen Schiss vor diesem Retro-Marathon haben, haben sie echte Briefe ins Land gesandt, um andere mit auf die Couch zu holen. Da sind dann dabei:
Nerdcore René, Jeriko, Julie Paradise, Miss Sopie, Benjamin Nickel (aka Der Tierpfleger), pasQualle, Retroaktiv Ben, der Logopäde, Nilzenburger, Peter Noster und ich. Die einen mehr so virtuell, die anderen kommen echt und leibhaftig ins Nomer-Hauptquartier und schauen dann, was so in der Glotze läuft und bloggen dazu live auf nom24.

Wie Hannover

Vor rund 48 Stunden ging es in den Popsplits auf rbb um den Song “Life’s a beat” von Plan B. Es ging also um einen Song von Johnny Haeusler.
Ich kannte Plan B nicht. Also zwar weiß ich, dass es die gab und kannte auch schon die Story, wie sie mal Vorgruppe von The Clash wurden. Aber musikalisch habe ich mir, ehrlich gesagt, nie die Mühe gegeben, Plan B. kennenzulernen. in der Nacht auf Samstag aber, nachdem ich beim ndr gesehen hatte, dass Nana Mouskouri weint ein Buch über Prokratination geschrieben hat, hab ich reingeschaut bei den Popsplits. Voll der Punk war meine Idee von Plan B, von wegen Clash-Support und so. Und dann war das aber gar nicht so. Im Gegenteil, mich erinnerte das doch alles an eine andere Band. Sogar an dem Punkt, an dem Johnny erzählt, die Plattenfirma fand das 1993 voll doof, dass er mit verzerrter Stimme singt, dachte ich, aber das haben DIE doch damals auch gemacht. Jetzt habe ich ein bisschen Plan B gehört und mit denen verglichen und ich bleibe dabei:

Wer Plan B mag, müsste auch Fury in the Slaughterhouse mögen (Zumindest bis “Brilliant Thieves”).

Ich mochte die mal ganz arg. Trotz Hannover. Ich hab einige großartige Konzerte von denen erlebt, zu ihrer Musik geknutscht und so weiter, manchmal auch teenie-esk einsam am Räucherstäbchen ein Tränchen verdrückt, während ihre Platten liefen.
Deshalb: Nichts für ungut, Johnny. Ich mein’s gar nicht so böse, wie es auf den ersten Blick aussieht. Ich mein’s eigentlich überhaupt nicht böse. Und hey, Dein “icy” hat die gleiche Motivation wie Wingenfelders “Rainy April Day” auf der “The Hearing and the Sense of Balance“.

Nun ja. Auch Fury in the Slaughterhouse sind so eine 90er-Nostalgie-Kiste und mittlerweile aufgelöst. Die 90er… Dieses komisch hippieske Jahrzehnt mit Neonfarben, Basecaps und Holzfällerhemden zwischen Nirvana und Mark ‘Oh. Meine Adoleszenz-Zeit. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Wie Hannover.


(Direktpäckchen)

Björn der Baumeister

… hat mit Bruce dem Baumeister heute ein Haus gebaut. Mit Dachterasse und Swimmingpool. Einfach so. Weil wir es können. Und in echt sieht es gar nicht so windschief aus wie auf dem Bild (auf dem der Swimmingpool nicht zu sehen ist).

Eigenheim

Ich liebe solche Nachmittage.

Björns Radiotheorie

Unter allen Medien hat das Radio einen entscheidenden Vorteil: Die Rezeption geht nebenher.

Ein Buch, eine Zeitung, ein normaler Computer verlangen immer, dass wir unsere Haptik für sie reservieren, wenn wir die in ihnen enthaltenen Informationen rezipieren wollen. Texte lesen geht nun mal nicht ohne umblättern oder URLs tippen.
Dazu kommt, dass Lesen Augen fordert. In ein Buch, eine Zeitung auf einen Computerbidschirm sollte mensch schauen, um das dort angebotene wahrzunehmen. Dasselbe gilt auch fürs Fernsehen.
Radio muss man als Rezipient nur hören. Da kann mensch nebenher kochen oder putzen oder duschen oder sich ums Kind kümmern.

Deshalb will ich mehr Radio. Ich will Blogs vorgelesen bekommen, Twitter als Hörstück, Mails wie Telefonanrufe erhalten. Ich komm nämlich gerade aus einer privaten Umorientierung heraus kaum noch vor den Rechner und damit nicht mehr recht ins Internet. Aber ich habe viel Zeit zuzuhören. Bitte macht mir ein Hör-WWW!

Aber, wenden kluge Menschen hier ein, das Internet als soziales Medium, Blogs und Twitter, sogar Mails leben ja nicht nur vom Rezipieren, die Partizipation ist doch der Clou! Wie willst du denn dann bei deinem Hör-WWW mitmachen?
Ich stelle mir mein Hör-WWW so vor: Ich habe so eine Art Headset aufm Kopp und meine Tweets, meine Blogkommentare, meine Mailantworten und die von mir geklickten Links kann ich über Spracheingabe loswerden.

So hätte ich das Netz gerne. Und sicher gibt es sowas. Ein Freund von einem Freund, hatte als schwer sehbehinderter Mensch an seiner Uni in den USA die staatlich geförderte Möglichkeit, sich alles und jeden Scheiß, den die Hochschule an Medien hatte, entweder vorlesen zu lassen oder als Audiofile zu bekommen. Da brauchte es noch einiges an menschlicher Arbeitskraft, um ihn Texte im weiteren Sinne hören zu lassen. Und Mensch ist teuer. Deshalb wird er wo’s geht durch Technik ersetzt. Die sollte doch in den letzten Jahren viel erreicht haben bei der automatischen Textwiedergabe, -erfassung und -interaktion. Also, raus mit der Sprache: Wer hat’s erfunden, mein Hör-WWW?

Lieber Herr Hauen,

die Briefe für Karl, die ich Ihnen für ihn schicken sollte, befinden sich hier irgendwo an verschiedenen Orten im Hause. Wenn ich mal neben all dem vorweihnachtlichen Backen, Singen und Bäumeschlagen dazu komme, auf dem Dachboden, in der Scheuer und im Kontor die alten Postsäcke zu durchsuchen, werde ich sie umgehend sichten und die erforderliche Auswahl dem Boten mitgeben. Aber Sie wissen ja wie das ist, zur Korrespondenz reicht es immer erst nach dem Tagwerk. Und das macht mal wieder vor der Nacht nicht halt. Haben Sie denn den Portraitmaler schon erreicht?

In aller Kürze, die Kerzen sind schon beinahe heruntergebrannt, Ihr treu ergebener

Björn Grau

Der 28.-beste Song aller Zeiten

Ich hatte schon sexuelle Erfahrungen mit nackten Frauen, bevor ich das erste Mal Musikfernsehen schauen durfte. Wir hatten zuhause nämlich nur drei TV-Programme, bis ich 15 war.

Dann gab es MTV und Ray Cokes und ich fand’s geil. Und hatte eine Geschäftsidee. Deutsches Musikfernsehen! Als ich diese Idee meinen medienerfahreneren Freunden vorstellete, sagten die: Gibt’s bald schon, soll VIVA heißen. Scheiße! Das ist nun auch schon wieder ein Weilchen her. Mehr Erfolg mit deutschem Musikfernsehen hatte der Nilz, wie er hier beschreibt.

Der Nilz beschreibt auch die 100 besten Songs aller Zeiten auf seinem Blog (Da fehlen noch ein paar Plätze, aber das kommt). Das erinnert mich an die Zeit, als ich noch Radiomoderator werden wollte. Da gab es nämlich im ehemals wilden Süden in Kooperation mit dem auch schon verschwundenen Ostjugendradio DT 64 so ne Top 1000-Nummer beim heute dummfusionierten Radiosender SDR3, bei der die Hörer der beiden Hörfunkstationen ihre Lieblingslieder nannten und dann eben in tagelanger Arbeit diese 1000 und mehr Titel als Hitparade in Ultrakurzwelle abgefeiert wurden. So ähnlich ist es beim Nilz. Der hat sich nämlich bei seiner Top 100 auch Mitbestimmer gesucht. Ich zeichne bei Nilzens Schlagerparade für den Platz 28 verantwortlich.

Hier ist er (um mich folgend selbst zu zitieren):

Eigentlich bietet Billy Corgan im neuen Jahrtausend mit Zwan und Soloprojekt und fragwürdiger Reunion genug Angriffsfläche, um ihn nie nie nie in eine Bestenliste guter Musik mit aufzunehmen. Und spätestens nach “Adore” waren seine Varianten des ewig gleichen Sounds erschöpft, alles folgende ist traurige Einöde. Letztlich bleiben die Smashing Pumpkins ein Phänomen der 1990er, welches lediglich aus Nostalgiegründen heute noch hörbar ist. Mit einer Ausnahme: Disarm.
Auch wenn diese schaurig traurigschöne Ballade sicher bei der einen oder dem andern zu oft durch die Boxen lief, die Einfachheit und der Pathos (die sich zugegebenermaßen recht leicht auf die Akkustikgitarre dort und Streicher mit Glocken hier zurückführen lassen), die hier eine seltene Symbiose eingehen, bleiben in dieser speziellen Mischung herausragend. Auch wenn es letztlich selbstmitleidiges Geheule ist, das die schwere Kindheit heranzieht, um die eigenen Schweinereien zu entschuldigen, soviel Schmerz, Sehnsucht, Trauer und Liebe gab es selten in einem kleinen und so eingängigen Lied, “Disarm” ist dabei die Antithese von Nirvanas “Smells like teen spirit”. Beide haben eine gewisse Rotzigkeit, aber während Cobains zu große Hymne trotzig ist, zelebriert “Disarm” die spätpubertäre Verletzbarkeit. Zu Kurt Pogo tanzen, bei Billy knutschen (und dabei auch ein wenig an D’arcy denken), obwohl das Lied vom Wehtun kündet.


[Direktbitternessofonewhoisleftalone]

Und Nilz: Danke für die Glückwünsche!

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