Eigentlich mag ich Pissoirs.
Im Kino hängt da oft pseudopassende aber irgendwie unterhaltsame Werbung. Im Fußballstadion machen angetrunkene Kuttenfans Sprüche zur Penislänge der Pinkelnachbarn. In vielen Kneipen sind da so kleine grüne Plastikgitter eingebaut, auf denen ein Tor steht, in das mann einen kleinen Ball pullern kann, der auffällig oft orange ist (gibt es aber auch in gelb oder blau). Auf Familienfesten ist das der Ort, an dem es einerseits peinlich ist, den ganzen Verwandten so nackt zu begegnen, anderseits lockert dieses Schangefühl auch irgendwie die claninternen Hierarchien auf, wenn mann da so in Reih mit Glied in der Hand steht.
Unschön aber ist der Gang aufs Pissoir bei Veranstaltungen, die “interessierte” Rentner besuchen. Beispielsweise philosophische Ringvorlesungen oder Gastvorträge berühmter Vertreter der klassischen Archäologie. Da triffst Du im Kloraum auf Männer, die vor lauter Humanismus im Hirn ab Mitte 60 nicht mehr so recht können. Die Armen stehen dann vorm Becken und mühen sich trotz knallvoller Blase nur schmerzhaft ein paar Tropfen ab, brauchen ewig beim Einpacken und tattern dabei derart, dass dann dumerweise doch so ein Fleck sich am unteren Ende des Hosenschlitzes auf der khakifarbenen Hise ausbreitet. Dann nesteln sie, mitten im engen Raums stehend und peinlich von ihrem mitleidserregenden Gebahren berührt, unendliche Minuten am Reissverschluss, um endlich den Wollpollunder möglichst tief über die Hose zu ziehen, damit außerhalb der Toilette keiner ihr Malheur bemerken möge. Oft waschen sie sich dann ihre Hände nicht. Wenn doch, dauert es ewig, was die Waschbecken blockiert.
Da bleibt die Würde des Alters vor der Klotür. Die Angst vor der Vergreisung aber nimmt dem eigenen Urinieren die Erleichterung.




