Männlich, bärtig, jung sucht.

Auf dem Politcamp09 war es DAS Flurthema. Nun tauchte es immer öfter in meiner Twittertimeline auf. Die deutsche Online-Elite prokrastiniert mit Onlinedating. OKCupid.com, der kostenlose Datingservice2.0 ist der neue heiße Shice.
Wobei, das Portal gibt’s ja schon eine Weile. Nur in Deutschland hat es angeblich erst gerade mal 100.000 User.
Das besondere daran ist übrigens, dass es so anders ist als übliche Datingseiten (achso…?). Das muss ich testen.

Der Einstieg ist denkbar einfach. Username, Alter, Geschlecht, Wohnort, Passwort, und Zahlencode eingeben, fertig. Dann kann man das Profil ausfüllen. Ist aber vielleicht gar nicht so wichtig, denn der Clou bei OKCupid ist, dass man zigtausend Fragen beantworten kann. Diese Antworten werden dann von User zu User verglichen und aus dem Vergleich ergibt sich, wie gut zwei Personen zusammen passen.

Die Fragen sind weitestgehend von den Usern selbst erstellt, jeder kann neue dazustellen. Das gefällt. Genauso wie der Umstand, dass ich zwar angebe, ob ich homo oder hetero bin, Freunde, Beziehungen oder nur Sex suche, aber das Zusammenpassen anhand der Fragen für jegliche User berechnet wird. So ist man nicht so festgelegt auf die Triebe (oder was anderes).

Ich habe dann mal angefangen, die Fragen zu beantworten. “Should burning your country’s flag be illegal?” zum Beispiel. Die meisten Fragen beziehen sich aber aufs Zwischenmenschliche. Sex und Moral stehen im Vordergrund. Darf man lügen? Ist Homosexualität ok? Wie steht’s mit Sex vor der Ehe? Glaubst du an Gott?
Es ist eine amerikanische Datingplattform.

Allerdings, die Antwortmöglichkeiten sind hübsch differenziert. Für meine Meinung gibt es verschiedene Abstufungen, dazu kann ich angeben, wie mein Wunschpartner antworten sollte und wie wichtig mir diese Fragen sind. Wenn ich eine Frage aus welchen Gründen auch immer nicht beantworten will, lasse ich sie einfach weg.

Bei Frage Nummer 23 “STALE is to STEAL as 89475 is to…” bin ich dann aus Gründen mir mangelnder Kompetenz erstmal ausgestiegen und habe versucht, meine Profilangaben auf 500 Wörter auszudehnen. Das ist aber gar nicht so einfach. So viel lässt sich über mich auf die Schnelle gar nicht sagen.

Ob ich schon zu jemandem passe? Nein, denn das wird erst ab 25 beantworteten Fragen berechnet.

Na gut, dann schau ich eben, was sonst noch so zu tun ist. Tests lassen sich ausfüllen. Ich finde heraus, wie homo oder hetero ich bin. Ziemlich hetero. Aha. Der Test war allerdings reichlich durchsichtig. Es ging erst ein paar Fragen um Körperlichkeiten mit dem anderen, dann kamen die gleichen Fragen zum gleichen Geschlecht. Zum Glück lassen sich die Tests selbst bewerten. Ob das alles irgendwie mit in die Partnersuchalgorithmen einfließt? Egal, ich mach mal den “Welcher Vampir-Typ bis du?”-Test.

Danach wieder die Fragen zum Zusammenpassen. Ich will ja heute noch wissen, wer für mich gemacht ist. Gerade als mir langweilig wurde von all den prüden amerikanischen Fragen zu Körperhygiene, Treue und Beziehungswunschdauer kam ein neues Themenfeld. Erst: Ob ich Menschenfleisch essen würde? Dann: Ist das Töten von Menschen in Ordnung?

Dann habe ich herausgefunden, wie ich so elementare Dinge der bürgerlichen Existenzbeschreibung wie Bildungsabschluss und Körpergröße und mir geläufige Sprachen ins Profil eingeben kann. Erst “Edit Profile” klicken, dann “Edit Profile Details”. Logisch. Oder?
Bis jetzt will mich noch niemand kennenlernen. Also noch ein paar Fragen beantworten.
Ich merke, dass mich politische Dinge weit mehr interessieren als direkt auf Beziehung bezogene. Leider kommen von ersteren so wenig. Aber ich habe ja erst 40 von rund 4.000 Fragen beantwortet. Ich bin jetzt über zwei Stunden hier und letztlich langweilt mich die ganze (”Wie stehst du zum Rauchen?”) Sache. Aber irgendwie mache ich dann doch weiter. Eine noch, komm, ich will ja mit irgendwem zusammenpassen!

Nun aber, wer passt zu mir? Am besten mit bis zu 94 Prozent Übereinstimmung andere Heteromänner. Tja. Es ist ein mir virtuell bekannter Twitterer dabei, den ich nicht mag. Ups.
Die Frauen reißen mich aber auch nicht vom Sofa. Zum Glück bin ich in echt vergeben. Habe ich auch angegeben in meinem Profil. Man soll ja ehrlich sein.

Und wo ich schon ehrlich bin, so spannend ich das Fragekonzept finde, so zeitaufwändig ist es. Und der sehr nutzerfreundliche Seitenaufbau macht die unendlich langen Ladezeiten auch nicht wett. In der Zeit, die mich allein die ersten Schritte der Partnersuche auf OKCupid kosten, kann ich im echten Leben lange Kennenlerngespräche an der Bar führen. Oder Twittern. Das hat einen höheren Flirtfaktor, weil es viel kommunikativer ist. Und Chat-, Mail- und Liebhab-Funktionen für Eins-zu-Eins-Kommunikation hat Facebook auch.

1 Kommentar

  1. OkCupid hat ein interessantes Konzept. Ich kannte die Seite bis gestern noch nicht. Was mich an der Seite inzwischen doch abschreckt ist, dass durch die vielen Fragen doch sehr detailierte Nutzerprofile entstehen. Durch das beantworten einiger Fragen hab ich bestimmt schon Dinge von mir preisgegeben die ich so im Netz nie direkt veröffentlichen würde. Bei
    Facebook ist es wesentlich einfacher eine harmlose Online-Fassade zu
    wahren.

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