Datenschutzpendel

Ein paar Grundlagen der Interpretationstheorie zeigen schnell, wie unwichtig und vor allem ohnmächtig in der Kommunkation (vom persönlichen Gespräch/Streit bis zur Weiterverwendung von Daten) die Autorintention schon immer war.
Es gibt die eine richtige Interpretation nicht. Jede Aussage hat Leerstellen, die wir als LeserIn/HörerIn/SeherIn (RezipientIn) mit unserem Wissen füllen müssen oder können, um etwas für uns sinnvolles daraus zu machen. Der Satz “Ich kaufe eine Kartoffel.” sagt ja beispielsweise nichts aus über die Kartoffelsorte (Linda, mehligkochend, bio, …), den Kaufort (Wochenmarkt, Discounter, Saatguthändler) oder den Kaufgrund (der beim Bauern ein anderer sein mag als beim Hobbykoch). Ohne mein Wissen um die Umstände der Äußerung dieses Satzes (wer hat das wann wem erzählt) kann ich die Dimension der Aussage nur sehr vage definieren und werde immer mein Wissen in diese Aussage hineinlegen (ich kaufe Kartoffeln nur bio, selten mehligkochend und nie als Saatgut), komme also zu MEINER Interpretation des Satzes, nicht aber unbedingt zur Intention des Sprechers.
Aber, um es an Umberto Eco angelehnt zu formulieren (der vom “Gebrauch” als negativem Gegenpart zur Interpretation spricht): Es gibt Über- und Fehlinterpretationen. Und die geschehen immer, wenn ich einer mir außenstehenden Information entgegen der in ihr enthaltenen Daten mehr von mir und meinem Wissen, meinen Intentionen anhänge, als es die Leerstellen ebendieser Information eigentlich erlauben (ich kann nicht eindeutig bestimmen, welche Kartoffel oben wofür gekauft wurde). Plump gesagt: Es gibt viele richtige Interpretationen einer Aussage, viele schwierige und viele falsche.

Datenschutz sollte m.E. die richtigen Interpretationen nicht verhindern, bei den schwierigen vorsichtig abwägen, aber gegen die falschen, insbesondere, wenn sie Selbstbestimmungsrechte verletzen, wirksam werden.

Und wir als Datenverbreiter sollten die vielen so nicht intendierten und dennoch richtigen und einige der schwierigen Interpretationen der von uns in die Welt gesetzten Informationen alle aushalten und abschätzen lernen.

Was nun aber richtig, schwierig und falsch ist, lässt sich leider nicht pauschal sagen, hängt von der einzelnen Information, ihrem Sender und Empfänger und dem zum jeweiligen Interpretationsmoment zur Verfügung stehendem Zusatzwissen ab.
Heute würde ich sagen: Wo ich gerade rumhänge, geht die Öffentlichkeit nichts an, wenn ich das nicht kundtun will. Mein Mobilfunkprovider braucht die Info aber, um das Handy im Netz zu halten. Aber wehe, der bringt die an die Öffentlichkeit. Nicht sein Job. Sollte er das dennoch tun, will ich ihn dafür drankreigen können. Oder: Die Vorteile des deutschen Lieblingsbeispiel zum Thema “Google Street View” schätze ich persönlich höher als die Privatsphäre einer Hausfassade. Wer aber zur Zeit der Aufnahme durch das Google-Auto in meinen Vorgarten gepinkelt hat, muss nicht alle Welt sehen können. Oder so.

Der Kontrollverlust über die eigenen Daten ist aufgrund der Nichteindeutigkeit von Informationen und ihre Einbindung in die Kommunikationssituation schon immer gegeben, konnte noch nie ganz verhindert werden und wird mit jedem Mehr an Informationsfluss schwieriger.
Dennoch muss er nicht total sein und kann allgemein vernünftigen Regeln (hermeneutisch, semiotisch, kommunkationstheoretisch, such dir was aus) unterworfen werden. Im Konkreten (und damit juristischen) aber sind diese Regeln einer sehr komplexen und stetig fließenden Realität anzupassen.
Diesen Punkt bedenkend muss Datenverbreitung und -verarbeitung geregelt werden, braucht die tendenz zum Kontrollverlusst, tendenziell funktionierende Kontrollmechanismen. Und zwar so, dass es das Individuum so weit schützt wie nötig und ihm so weit nützt und so viel ermöglicht wie möglich. Weil Daten Machtverhältnissen unterworfen sind.

Auf der deutschen Bahn

In der Mitte des Landes ist alles gelbbraun. Außer dem Klee und dem andern Zeugs, das grün auf manchen Äckern steht, um alsbald untergepflügt zu werden. Während der Nebel in den Tälern die Zeit entrückt, stehen auf den Lichtungen der bewaldeten Höhen Rotwildgroßfamilien und sonnen sich. Das ist so schön hier, so romantisch. Kein schöner Land mitten in der Bundesrepublik. Heimat, zum Erbrechen idyllisch. Goldener Oktober, ach hau mir ab. Heute ist Volkstrauertag und wir sind eben in einem überfüllten Nahverkehrszug mit dicken Kindern und besoffenen Männern mit grauer Haut und billigen Kleidern aus Kassel raus.

Es ist Ende Juni und in Westdeutschland angeblich schon warm. Ich freu mich drauf. Samstagmorgen, aus Berlin sind vor allem junge Menschen auf dem Weg in die alte Heimat. Zeitungen, Zeitschriften, Notebooks und hochwertige In-Ear-Kopfhörer schaffen eine entspannte, fast stille Atmosphäre. In Braunschweig wird der Zug voll. Auf einmal höre ich hinter mir eine Stimme, in die all die Enttäuschungen einer Jahrzehnte währenden Ehe hineingelegt sind: “Erwin, ich habe einen Platz, wo du mir gegenüber sitzt. Kommst du bitte mit?” Ja, es gibt Möglichkeiten, sich im Lebensabend für all die Demütigungen des Patriarchats zu rächen. Immerhin hat sie “bitte” gesagt. Georg hat es da nicht so gut. Der alte Mann wird von seiner Frau platziert, dann soll er Zeitung lesen. Sie setzt sich neben mich. Leider ist der Sitz im ICE-Großraumabteil zu schmal für ihren Hintern. Aber ich hab ja noch ein bisschen Platz. Sie packt eine Packung Tiefkühlobstkuchen aus, in die sie, eingehüllt in einen Gefrierbeutel, einen Pappteller mit dem aufgeschnittenen Tiefkühlobstkuchen gepackt hatte. Dann ruft sie Georg zu sich, fragt wieviel Kuchen er will, gibt ihm zeitgleich zwei Stück und verkündet dem ganzen Abteil, dass müsse vorerst genügen, sie habe aber auch noch belegte Brote dabei. Georg, scheinbar halb so groß und halb so breit wie seine Frau, schweigt und trollt sich. Sie löst Kreuzworträtsel in einer Adels- und Schlagerpromipostille. Irgendwann steht er auf. Zwischen zwei Bahnhöfen. Einfach so. Panische Reaktion auf der anderen Hälfte meines Sitzes und dem daneben: “Georg, was ist mit Deinem Platz? Georg, setz dich wieder hin!” Georg zeigt einen halbherzigen Versuch der Auflehnung, murmelt irgendetwas, was wirsch sein soll, aber resigniert klingt. “Georg, die Leute sind schon ganz genervt von uns! Immer wenn wir verreisen, machst Du solche Probleme. Wir wollen den Leuten doch nicht dauernd zur Last fallen!”

Marianne hat Pizzaschnecken gemacht. “Wat tust du da drin?”, fragt Gisela. “Ein Becher Schmand, zwei Esslöffel Zwiebelsuppe von dem Pulver, Speckwürfel und Kräuter.” Mir ist schlecht. Gisela hat geschnittene Kohlrabi, Cocktailtomaten und Kräutersalz dabei. Es ist Hochsommer, die Klimaanlage im Zug arbeitet, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend. Dennoch ist mir der Duft des Kohlrabi hundertmal lieber als der, den vorhin die Füße der jungen VWL-Studentin nach dem Abstreifen der Mokassins verströmten. Die Füße und deren Besitzerin verließen mich aber schon in Gütersloh. Else hat zu Mariannes Pizzaschnecken und dem Kohlrabi, den Cocktailtomaten und dem Kräutersalz von Gisela noch Karottenschnitze, Cocktailtomaten, Käsewürfel und Trauben mitgebracht. Die drei Gatten haben Brot aus den Reisetaschen gekramt. Auch geschnittene Paprika ist da. “Iss doch mal wat Gesundes, hoho.” Gemeinsam öffnen sie ihre Gefrierbeutel und großküchentauglichen Plastikvorratsdosen, breiten alles auf den Tischen der zwei Vierersitzgruppen im Intercitywagon aus. Zum Essen wird Discountersekt halbtrocken in rosa Plastikbechern gereicht. Marianne: “Sind doch lecker, die Pizzaschnecken, ne?” “Joah… Geht wohl”, kaut Gisela genussvoll mit vollem Mund zurück. “Wollen sie auch ne Kohlrabi, junger Mann?” Sie sind aus Westfalen auf dem Weg in den Urlaub in Ostdeutschland. Nur praktische Kurzhaarfrisuren haben die Frauen wunderlicherweise keine. Ich schwitze. Da zeigt sich die Lebenstüchtigkeit von Reisegruppen kurz vorm Renteneintrittsalter. Else schickt Reinhold, um den Zugebgleiter zu holen. Wenn schon die Klimaanlage nicht funktioniert, sollen doch wenigstens die Fenster geöffnet sein. Uns umweht alsbald ein beinahe frischer Wind. Als Mariannes Mann aufsteht, um zur Toilette zu gehen, steigt der Duft von Schweißfüssen wieder in meine Nase. Als Mariannes Mann zurückkommt, setzt er sich zu Else, Gisela und deren Mann. Sie spielen Doppelkopf. Reinhold unterhält sich mit Marianne darüber, dass die Zeitung geschrieben hat, man solle nicht mehr den Garten wässern, weil das Grundwasser so stark zurückgeht. Zwischendurch erfragt Reinhold Mariannes Handynummer. Marianne lacht: “Ach ja, so is dat alle.”