Auf der deutschen Bahn

In der Mitte des Landes ist alles gelbbraun. Außer dem Klee und dem andern Zeugs, das grün auf manchen Äckern steht, um alsbald untergepflügt zu werden. Während der Nebel in den Tälern die Zeit entrückt, stehen auf den Lichtungen der bewaldeten Höhen Rotwildgroßfamilien und sonnen sich. Das ist so schön hier, so romantisch. Kein schöner Land mitten in der Bundesrepublik. Heimat, zum Erbrechen idyllisch. Goldener Oktober, ach hau mir ab. Heute ist Volkstrauertag und wir sind eben in einem überfüllten Nahverkehrszug mit dicken Kindern und besoffenen Männern mit grauer Haut und billigen Kleidern aus Kassel raus.

Es ist Ende Juni und in Westdeutschland angeblich schon warm. Ich freu mich drauf. Samstagmorgen, aus Berlin sind vor allem junge Menschen auf dem Weg in die alte Heimat. Zeitungen, Zeitschriften, Notebooks und hochwertige In-Ear-Kopfhörer schaffen eine entspannte, fast stille Atmosphäre. In Braunschweig wird der Zug voll. Auf einmal höre ich hinter mir eine Stimme, in die all die Enttäuschungen einer Jahrzehnte währenden Ehe hineingelegt sind: “Erwin, ich habe einen Platz, wo du mir gegenüber sitzt. Kommst du bitte mit?” Ja, es gibt Möglichkeiten, sich im Lebensabend für all die Demütigungen des Patriarchats zu rächen. Immerhin hat sie “bitte” gesagt. Georg hat es da nicht so gut. Der alte Mann wird von seiner Frau platziert, dann soll er Zeitung lesen. Sie setzt sich neben mich. Leider ist der Sitz im ICE-Großraumabteil zu schmal für ihren Hintern. Aber ich hab ja noch ein bisschen Platz. Sie packt eine Packung Tiefkühlobstkuchen aus, in die sie, eingehüllt in einen Gefrierbeutel, einen Pappteller mit dem aufgeschnittenen Tiefkühlobstkuchen gepackt hatte. Dann ruft sie Georg zu sich, fragt wieviel Kuchen er will, gibt ihm zeitgleich zwei Stück und verkündet dem ganzen Abteil, dass müsse vorerst genügen, sie habe aber auch noch belegte Brote dabei. Georg, scheinbar halb so groß und halb so breit wie seine Frau, schweigt und trollt sich. Sie löst Kreuzworträtsel in einer Adels- und Schlagerpromipostille. Irgendwann steht er auf. Zwischen zwei Bahnhöfen. Einfach so. Panische Reaktion auf der anderen Hälfte meines Sitzes und dem daneben: “Georg, was ist mit Deinem Platz? Georg, setz dich wieder hin!” Georg zeigt einen halbherzigen Versuch der Auflehnung, murmelt irgendetwas, was wirsch sein soll, aber resigniert klingt. “Georg, die Leute sind schon ganz genervt von uns! Immer wenn wir verreisen, machst Du solche Probleme. Wir wollen den Leuten doch nicht dauernd zur Last fallen!”

Marianne hat Pizzaschnecken gemacht. “Wat tust du da drin?”, fragt Gisela. “Ein Becher Schmand, zwei Esslöffel Zwiebelsuppe von dem Pulver, Speckwürfel und Kräuter.” Mir ist schlecht. Gisela hat geschnittene Kohlrabi, Cocktailtomaten und Kräutersalz dabei. Es ist Hochsommer, die Klimaanlage im Zug arbeitet, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend. Dennoch ist mir der Duft des Kohlrabi hundertmal lieber als der, den vorhin die Füße der jungen VWL-Studentin nach dem Abstreifen der Mokassins verströmten. Die Füße und deren Besitzerin verließen mich aber schon in Gütersloh. Else hat zu Mariannes Pizzaschnecken und dem Kohlrabi, den Cocktailtomaten und dem Kräutersalz von Gisela noch Karottenschnitze, Cocktailtomaten, Käsewürfel und Trauben mitgebracht. Die drei Gatten haben Brot aus den Reisetaschen gekramt. Auch geschnittene Paprika ist da. “Iss doch mal wat Gesundes, hoho.” Gemeinsam öffnen sie ihre Gefrierbeutel und großküchentauglichen Plastikvorratsdosen, breiten alles auf den Tischen der zwei Vierersitzgruppen im Intercitywagon aus. Zum Essen wird Discountersekt halbtrocken in rosa Plastikbechern gereicht. Marianne: “Sind doch lecker, die Pizzaschnecken, ne?” “Joah… Geht wohl”, kaut Gisela genussvoll mit vollem Mund zurück. “Wollen sie auch ne Kohlrabi, junger Mann?” Sie sind aus Westfalen auf dem Weg in den Urlaub in Ostdeutschland. Nur praktische Kurzhaarfrisuren haben die Frauen wunderlicherweise keine. Ich schwitze. Da zeigt sich die Lebenstüchtigkeit von Reisegruppen kurz vorm Renteneintrittsalter. Else schickt Reinhold, um den Zugebgleiter zu holen. Wenn schon die Klimaanlage nicht funktioniert, sollen doch wenigstens die Fenster geöffnet sein. Uns umweht alsbald ein beinahe frischer Wind. Als Mariannes Mann aufsteht, um zur Toilette zu gehen, steigt der Duft von Schweißfüssen wieder in meine Nase. Als Mariannes Mann zurückkommt, setzt er sich zu Else, Gisela und deren Mann. Sie spielen Doppelkopf. Reinhold unterhält sich mit Marianne darüber, dass die Zeitung geschrieben hat, man solle nicht mehr den Garten wässern, weil das Grundwasser so stark zurückgeht. Zwischendurch erfragt Reinhold Mariannes Handynummer. Marianne lacht: “Ach ja, so is dat alle.”

1 Trackback

  1. 19.07.2010 - Das Kraftfuttermischwerk » Just my daily two cents

3 Kommentare

  1. Das ist das interessanteste Uninteressante was ich seit langem gelesen hab, herrlich!

  2. hmm…das war gut

  3. Ich hatte hier gestern so viel zu geschrieben. War froh, das lesen zu können, erfreut. Und habe natürlich darum gebeten, dass du so was wieder öfter machst. Weil du es so gut machst. ;)

Kommentar schreiben