Mash my book up

Im Frühsommer fragte mich Sven, ob wir von der Märchenstunde nicht etwas zum Thema Copy/Paste für die dritte Ausgabe des Architekturmagazins urban spacemag beitragen wollen. Ich wollte und habe (siehe unten) und seit kurzem ist das Magazin gedruckt und gestern kamen meine Belegexemplare und was soll ich sagen? Ich bin total begeistert! So fern mir Understatement liegt und so sehr ich zu meinem Text (siehe unten) stehe, es ist was Besonderes zwischen so viel großartige Gedanken ein paar Zeilen hineinkopiert zu haben.
Das Copy/Paste-Heft des urban spacemag ist ein Architekturfanzine, stilecht mit selbstgeklebtem Cover und tollen Stories. Über kopierte Städte, seriellen Orientalismus, urbanes Unkraut, Rekonstruktionsglaubensfragen, Urheberrechtsprobleme an Gebäuden und eben mein Text zu Copy/Paste in der (eurozentrisitischen) Literaturgeschichte, den ich, siehe unten, hier zweitveröffentliche. Freundlicherweise mit den tollen Bildern von Frederike Busch, die den gedruckten Artikel so aufwerten.
Freunde der Architektur, Freunde der Literatur, Freunde der Kulturgeschichte, Freunde des Copy/Paste, Freunde des Graubrots, kauft dieses Magazin!

CTRL-X, CTRL-V ist zwar eine moderne Abkürzung, das Prinzip dahinter aber findet sich schon in alten Rhetorik-Lehrbüchern. Covern klingt nach Pop und Rock, ist dabei auch nichts anderes als das Wiedererzählen ein- und derselben Story.

Etwas komplett eigenes zu schreiben wäre bis vor wenigen Jahrhunderten einigermaßen gewagt gewesen, brauchte es doch für alles eine Autorität, auf die ich mich berufen konnte. Die Bearbeitung vorhandener Stoffe, war europaweit die längste Zeit Maßstab literarischen Schaffens. Die Kunst lag in der Variation bekannter Stoffe.

Auch war das Abschreiben von Texten genauso wie das (oft ohne Lizenzen geschehene) Nachdrucken immer schon verantwortlich für die Verbreitung von literarischen Werken. Das Kunstwerk war immer technisch reproduzierbar, auch wenn der Begriff erst durch Walter Benjamin vor 75 Jahren eingeführt und durch die Digitalisierung in der jüngeren Geschichte nochmal populärer wurde. Zehn Bücher können öfter gelesen werden als eins. Zum andern ist ältere Kunst schon immer Material für neue Kunst gewesen. Dieses Bearbeiten von Vorlagen, ein Kopieren im weiteren Sinne des Wortes, ist eine grundlegende Kulturtechnik.

Die ersten deutschsprachigen Romane sind ungefähr so original wie es Hell’s Bells in einer Frank-Zappa-Version wäre. Wie die Credits im CD-Booklet vermerkt werden, steht meist schon am Beginn dieser Romane, dass die Geschichte aus alten Quellen stammt. Doch statt einer treuen Übersetzung liefern uns die Autoren Neubearbeitungen, die gern blumiger, ausschweifiger, abgefahrener sind als das Original. Zappa statt AC/DC eben.
Mittelalterliche Ritterromane wie der Parzival Wolframs von Eschenbach sind in ihrem Kern Kopien französischer Texte. Das hat nichts mit einer minderen Qualität originaler Texte aus den feuchten Kammern dunkler teutonischer Burgen zu tun. Frankreich war damals en vogue und wem es gelang etwas französisches noch besser zu machen, war ganz vorne mit dabei. Ein weiterer Aspekt war, das früher auch früher schon alles besser war. So wie ein neues Auto einer Traditionsmarke immer auch mit der Erfahrung der Herkunftsfirma in Konstruktionsfragen beworben wird, ist eine neue Story besser zu verorten, wenn sie auf alten Geschichten aufbaut.

Ovids Metamorphosen waren fast zweitausend Jahre die Grundlage lyrischen Schreibens. Die Vers- und Reimstruktur der deutschen Klassik orientiert sich an der griechischen Antike. Einige von Shakespeares Theaterstücken sind Bearbeitungen von mittelalterlichen Bearbeitungen antiker Vorlagen. Ganz schön weit weg vom Original. Und der Umstand, dass er die antiken Originale hätte kennen können und das Mittelalter zu seiner Zeit jetzt nicht so ultraschick war, lässt vermuten, dass er sich absichtlich für das Cover vom Cover entschied. Shakespeare kopiert zwar, aber nicht entsprechend der angesagten Mode. Ein im Wortsinne eigenartiger Kopierer.

Vom alten Luther gibt es Pamphlete gegen unautorisierte Nachdrucke seiner Texte. Doch ihn nervt nicht das Kopieren an sich. Ihm geht es auch nicht um Originalität oder die Wahrung von Urheberrechten, denn seine Texte hat er nach alten (biblischen, theologischen) Quellen mit Gottes Hilfe, also nicht allein geschrieben. Er ärgert sich „nur“ über die miese Qualität, die vielen Druckfehler in den billigen Kopien.

Ein Spiel mit Original und Kopie ganz anderer Art erlebt Cervantes mit seinem „Don Quijote“.
Neun Jahre nach seinem ersten und ein Jahr vor seinem zweiten Teil dieser Geschichte erscheint eine unautorisierte Fortsetzung. Da hatte jemand Motive, Figuren und so fort genommen und versucht, mit einer Art Mashup des Originals (das ja selbst eine satirische Bearbeitung des uralten Ritterromangenres ist) auf der noch anhaltenden Ruhmeswelle mitzuschwimmen.
Cervantes muss jetzt schneller schreiben, um seinen „echten“ zweiten Teil gegen die freche Fortsetzung zu positionieren. In seinem Prolog an den Leser schreibt Cervantes, dass er den anderen Fortsetzer nicht beschimpfen wolle, nun aber der richtige zweite Teil komme, in dem der Don „endlich tot und begraben, damit keiner es über sich nehme, neue Zeugnisse seinetwegen herbeizubringen“. Der Held muss sterben, damit ihn keiner kopieren kann. Irgendwie traurig.
Vorher aber begegnet Don Quijote zahlreichen Figuren, die von sich behaupten, sowohl Cervantes’ ersten Teil als auch das Rip-off schon gelesen zu haben, und nun dem Protagonisten der „legitimen“ Fortsetzung seine Authentizität attestieren. Nicht selten geschieht dies unter hämischen Querverweisen auf das Plagiat. Im 62. Kapitel wird der Ritter von der traurigen Gestalt in einer Druckerei in Barcelona sogar Zeuge, wie die falsche Fortsetzung korrigiert wird.

Die rhetorische Faustregel, Kunst entstehe durch Variation und Ausschmückung des Bekannten führte im Extremfall zu dem, was später dem Barock als Schwulst vorgeworfen wurde. Viel Blabla um wenig Story. Die Aufklärung versuchte dann einen nüchternen Zugang zur Kunst. Jetzt sollte nur noch vernünftig geschrieben werden. Doch Kunst blieb ein starres Gebilde aus Regeln und Vorbildern, denen man zu folgen hatte. Kunst war sozusagen nur als gelehrte Kopie möglich. Nur wer im Rhetorikunterricht aufgepasst hatte und die angesagten künstlerischen Vorbilder bestens kannte, konnte Werke von Rang schaffen. Aristoteles’ Poetik und die Imitation vor allem antiker Vorbilder blieben weiter Grundlage guter Texte.

Die Idee, dass Kunst einzigartig und immer neu sein könne, findet, reichlich verkürzt dargestellt, ihren Durchbruch erst im Geniekult kurz vor 1800. Das Konzept der Genialität besagt, dass Kunst ohne Vorbildung am reinsten und besten entsteht. Sie ist in dieser Radikalität wie jedes Avantgardeprogramm weniger ein ernsthaft zu realisierendes Vorhaben als vor allem Provokation gegen bestehende Kunstauffassung. Die neue Kunst, die Originale der Genies sollten das Gegenteil der Regelwerke sein. Keine Schulung in der Redekunst, kein autorisierter Katalog an Stoffen. Kunst sollte ungebildet entstehen. Das war für die Verfechter des Geniekults bei den sogenannten Volksliedern und -märchen der Fall. Die kamen nicht aus dem Gymnasium und der Uni, sondern vom Bauernhof und vom Herdfeuer. Und sie wurden eifrig gesammelt, wie eben bei den Brüdern Grimm (die haben ihre genialen Stoffe dann doch bearbeitet, um sie den geneigten bürgerlichen Lesern gefälliger zu machen).

Eine große Hilfe ist den Geniefreunden die beginnende Industrialisierung. Sie führt mit der Fabrikproduktion die Arbeitsteilung ein. Nun können ungelernte Proletarier ein Produkt in großen Mengen herstellen. Aus bürgerlicher Sicht eine minderwertige Handlung im Vergleich zu einem vom Handwerker gefertigten Einzelstück. Alles, was in Serie hergestellt wird, bekommt so einen faden Beigeschmack. Künstlerisches Schaffen soll nun nicht mehr an Reproduktion erinnern, das Cover kann nicht mehr so gut wie oder besser als das Original sein.

Aber, wie gesagt, das alles ist mehr Anspruch als Wirklichkeit. Der Geniekult gleicht einem jeden Manifest. Radikal in den Forderungen, mild im Geschmack. Auch ein Vorreiter dieser Bewegung wie der junge Goethe kommt mit zunehmendem Alter nicht ohne die alten Griechen und seine restliche Bibliothek aus. Sein Faust (erster Teil) ist auch zu Zeiten des Geheimrats schon ein beispielsweise im weit verbreiteten Faustbuch überlieferter, jahrhundertealter Stoff und wäre ohne frühere Bearbeitungen wie der des Engländers Christopher Marlowe kaum denkbar.

Parallel zum Originalitätskult gab es auch immer Gegenbewegungen. Ein Beispiel dafür ist das Wiener Volkstheater in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Während die hohen Original-Künste weiterhin für ein ausgesuchtes Elitepublikum aufgeführt wurden, entwickelten sich privatwirtschaftliche Bühnen in den Kleinbürger- und Proletariervierteln. Hier wurde gespielt, was ankam und wirtschaftlich war. Am besten ging das mit Persiflagen von bekannten Theaterstücken und mit einem bekannten Pool an Charakteren. Wiedererkennungseffekte und Popularisierungen boten der Kundschaft verlässliches und waren günstiger zu produzieren als ewig neue Stücke. Dennoch wäre es falsch, diese Texte und Aufführungen als minderwertig abzutun, strotzen sie doch oft von großartigem Sprachwitz und beißender politischer Satire.

Mitte des 20. Jahrhunderts setzt ein neuer Sinneswandel ein. Verwandt mit den Ideen der Dekonstruktion und theoretisch von Strukturalismus herkommend, propagieren die Analytiker dieses Wandels nicht nur den Tod des Autors, sondern auch die Intertextualität.
Kurz gesagt kann kein Text ohne den anderen bestehen, jeder neue Text entsteht aus vielen alten, ob das nun eindeutige Zitate oder strukturelle oder thematische Ähnlichkeiten sind. Gerard Genette hat dafür einen schönen bildhaften Begriff eingeführt: Diese Texte nennt er „Palimpseste“, was bis dato der Begriff für eine Manuskriptseite war, von der ein alter Text abgeschabt (das Prinzip Tintenkiller kennen wir aus der Schule) wurde, um einen neuen draufzuschreiben. Meist blieb dabei aber etwas vom alten Text übrig.

Jorge Luis Borges treibt die Palimpsesthaftigkeit nicht nur von Texten sondern von Sprache allgemein in „Die Bibliothek von Babel“ von 1941 auf die mögliche Spitze. Die Bibliothek wird als unendlich dargestellt. Aufgrund dieser Unendlichkeit enthält sie alle Kombinationen der Buchstaben des lateinischen Alphabets, und damit auch alle Texte aller auf diesem Alphabet basierenden Sprachen. Niemand vermag einen Text zu verfassen, der nicht potentiell schon in einem Buch dieser Bibliothek steht.

Da auch in Zeiten der Originalität alle Autoren immer auch Leser sind und die gelesenen Texte mindestens fragmentartig in unseren Köpfen bleiben, hinterlassen diese Spuren in unseren Gedanken und tauchen irgendwie irgendwo irgendwann auch in unseren eigenen Äußerungen wieder auf. So wird es mitunter schwierig, Henne und Ei sauber zu trennen. Dies Wiederaufnahme von Texten anderer kann unbewusst oder bewusst geschehen und vom Motiv über das Zitat zur Collage bis hin zum Plagiat reichen.

Umberto Eco ist nicht nur ein großer Theoretiker dieser intertextuellen Vernetzung von Texten, er lebt sie als Schriftsteller auch exzessiv aus. Sein „Der Name der Rose“, in dem unter anderem ein Bibliothekar namens Jorge von Burgos mitspielt, ist zu großen Teilen zusammenkopiert. In den investigativen Unterhaltungen des William von Baskerville (selbst eine Anspielung auf Sherlock Holmes und den Hund aus dem gleichnamigen Ort sowie den mittelalterlichen Philosophen William von Ockham) sind abschnittweise Texte der mittelalterlichen Scholastik eingeflossen und dann mit Zitaten von moderneren Philosophen wie Wittgenstein gewürzt. Explizit gemacht wird das nicht. Die Leser finden diese Dinge nur, wenn sie sie vorher schon kannten.

Ein Beispiel der jüngeren deutschen Vergangenheit: Juli Zehs Anti-Bildungsroman „Spieltrieb“ von 2004 orientiert sich grob an Robert Musils „Die Verwirrungen des Zögling Törleß“, ganze Abschnitte sind aus dessen „Mann ohne Eigenschaften“, die Hauptfigur heißt wie ein Roman von Nabokov, eine Figur spricht immer wieder in den Versen eines polnischen Dichters. Die musikalischen Anspielungen gehen von Joshua Kadison bis Evanescence.. Wer will kann den Romantitel auf Schiller zurückführen, der hat das Wort Spieltrieb populär gemacht in „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Und genau darum geht’s in Zehs Roman.

Spieltrieb und Ästhetik haben viel mit Covern und Kopieren zu tun. Kinder ahmen nach beim Spielen. Weil’s Spaß macht. Natürlich lässt sich leicht lästern, dass spielenden, also covernden Schriftstellern nichts Neues einfällt. Aber andersherum gedreht ist es eben eine besondere Leistung, Althergebrachtes neu zu arrangieren (in der E-Musik ist dies die anerkannte Kunst von Orchester und Dirigent, wenn sie das Werk eines Komponisten neu interpretieren). Und auch für Dichter gilt, was Studenten zu ihren Seminararbeiten gesagt wird: Wer bei einer Person abschreibt, ist ein Dieb. Wer bei vielen abschreibt, ist klug. Wer es schafft, bei allen abzuschreiben, ist ein Ausnahmekünstler.

Insofern hat die Anfang 2010 so durchs Mediendorf getriebene Helene Hegemann mit ihrem mexikanischen Schwanzlurch und dessen tödlichen Verkehrsunfall viel richtig gemacht. Wer nach Plagiatsvorwürfen sechs Seiten Angaben über diverse zitierte Werke nachreichen muss, hat zumindest im Prinzip verstanden, wie Mashups funktionieren. Dumm nur, dass das deutsche Feuilleton die Genienummer immer noch toll findet und zu dreiste Zitate kenntlich gemacht werden müssen.

Wenn nun aber Abschreiben, Kopieren und Covern das neue und alte Cool sind, was ist dann das eigene und besondere daran? Wie wird aus Zusammenkopieren Kunst?

Wenn es dafür eine klare Regel gäbe, könnte jeder mit etwas Auswendiglernen der Methode Top-Bücher schreiben. Da das immer noch nicht passiert, muss wohl auch hinter gutem Covern ein Geheimnis liegen. Und das ist der Überraschungsmoment der neuen Zusammenstellung, das Gegen-den-Strich-Bürsten des Bekannten, der Witz in den Anspielungen.
Es ist nicht alter Wein in neuen Schläuchen, eher alter Käse in neuen Sandwichrezepten. Oder der Unterschied zwischen der AC/DC-Coverband vom Feuerwehrvereinsfest und der leider nicht existierenden Hell’s Bells-Version von Frank Zappa.

2 Trackbacks

  1. 29.12.2010 - A Short History of Literature-Mashups - Nerdcore
  2. 05.01.2011 - Lese-Tipp: Kleine Geschichte der Literatur- und Buch-Mashups | Leander Wattig

3 Kommentare

  1. Himbeermädchen 05.01.2011

    Da hab ich noch einen Tipp für die Freunde des literarischen Mash-Ups:
    “Kaspar und Heini in der Heilen Welt” ist ein Theaterstück von Lord Schadt (nennt sich wirklich so), dass ausschließlich (!) aus deutschsprachigen Songzitaten von Mozart bis Rammstein besteht. Kann man hier kostenfrei runterladen:
    http://www.luckylife.de/cms/lordschadt

    Viel Spaß beim Mashen!

  2. Vielen Dank für den Tipp!

    Und auf die Schnelle noch zwei weitere Masher:

    Karl Kraus hat in “Die letzten Tage der Menschheit” zu über einem Drittel direkte Zitate verwendet und darüber hinaus unzählige weitere Quellen umgearbeitet. Wikipedia dazu: http://bit.ly/kraustage (mit Link zum Volltext).

    Der im Text zitierte Eco hat neben der Rose quasi alle seiner Romane in dieser Collage-Technik geschrieben. Am krassesten und vielleicht wirklich nur für Freunde der Frühen Neuzeit ist dabei “Die Insel des vorigen Tages”.

  3. docloy 17.02.2011

    lol und jetzt masht auch schon der Gutti…..

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