Berliner S-Bahn (gestrandet)

Für Peter

Da sitzt unter vielen anderen eine Person in einem fahrenden Zug. Zwischen zwei Bissen Rührei schaut sie aus dem Fenster des Bordrestaurantwaggons in den grauen Morgen. Hamburg liegt schon ein gutes Stück zurück, da steht auf einem Nebengleis an einem kleinen Bahnhof im Mecklenburgischen eine Berliner S-Bahn.

Die Farben des Zuges, das Dunkelkarmin, das Ochsenblutrot, das behäbige Gelb zerstreuten kurz aufkeimende Zweifel, ich hätte mich im Zug getäuscht. “Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir unseren nächsten Halt, Jerichow. Dort erhalten sie Anschluss an eine Berliner Stadtbahn.” Ich stelle mir den Dispatcher als grinsenden Mann vor. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob Jerichow heute einen Bahnanschluss hätte. An der Berlin-Hamburger Bahn läge es nicht.

Wie wohl diese S-Bahn bis hier her kam? Sie scheint mehr gestrandet als abgestellt an diesem Hier, dass nun schon viele Kilometer westlich lag. Ein Groß-Stadt-Zug mitten in der Provinz. Was die Menschen dort, wo vorhin das Hier war, wohl über ihre Berliner S-Bahn denken? Ob Sie in regelmäßigen Intervallen deren Bremsklötze warten? Ob sie schonmal im Norden bis Klütz kamen?

Wann wohl diese S-Bahn aus Berlin hierher, also dorthin, kam? Als es noch zwei Städte Berlin gab? Aus welchem Berlin diese S-Bahn wohl hier ins Mecklenburgische kam? Ein Mann, der gerade 77 geworden wäre, kam aus Pommern ins Mecklenburgische und von dort in das eine und dann in das andere Berlin. Die S-Bahn fuhr vielleicht oft vom einen ins andere Berlin. Ob diese S-Bahn mal nach Pommern kommt? Vielleicht sind es keine Schwierigkeiten mehr, aber Herausforderungen sind es schon, diese Bahn aus Berlin zu beschreiben, die im Vorbeifahren in diesem Zugfenster erschien und an einem Ort steht, wo sie fremd erscheint.

Die Kategorien einer veralteten Stadtbahn passen nicht mehr so richtig. Ich weiß nicht, ob diese S-Bahn eine Stadt- oder Ringbahn, eine Zehlendorfer oder eine Wannseebahn war. Grenzen bleiben keine 50 Jahre gleich. Aber die Ordnungen bleiben verschieden und die Erinnerungen sind noch da. In diesem Augenblick mit dieser S-Bahn an diesem kleinen Bahnhof im Mecklenburgischen weit mehr als zum Beispiel am Bahnhof Friedrichstraße, wo weder die Saftbar noch der Friseursalon und erst recht nicht der Sexshop in den irrwitzigen Zwischenetagen davon berichten, das hier einmal zwei Systeme verzahnt waren. Hier ist nun das Gefüge der Assoziationen unwiederbringlich anders gruppiert.

Dort, also wo vor kurzem noch das Hier des Augenblicks war, dort also im Mecklenburgischen ist dieses Gefüge ebenfalls anders, nur aus anderen Gründen. Es gibt hier keine Groß-Stadt, es gab hier keine Verzahnung, auch wenn Boizenburg nah ist. Aber wer hier aus einen eingefahrenen Zug tritt nach langer Fahrt, den Bahnsteig überschreitet und ihn in Richtung Dorf verlässt, der mag Alternativen zu seiner Wirklichkeit finden.

Vor allem aber das Nicht-Hierher-Gehören der S-Bahn, das Fremde im Erwarteten, diese Unordnung im Zeichensystem des Niemandslandes entlang der Fernbahnstrecke, öffnen dir den Raum für ein paar morgendliche Mutmassungen über die Zusammenhänge von Geschichte und Geschichten, von Fiktion und Fakten. Du gehörst hier nicht hin. Schön, dass du da bist. Wo ist Marie?

In Berlin angekommen steigt ein nicht mehr ganz junger Mann aus dem Fernzug. Er hat einmal seinen Fahrausweis vorgewiesen, sein Gepäck wurde nicht kontrolliert. Warum auch. Er geht hinauf auf das Zwischengeschoss des Bahnhofs, das schon immer Konsummeile war. Er geht quer durch das Gebäude, unter ihm die Gleise eins bis acht. Im Osten geht er hinüber in die U-Bahn-Station. Das Grau des Bahnhofs verschwindet, weiße Kacheln dominieren nun. Der kleine gelbe Zug fährt auf einer isolierten Strecke, die Geschichte durch Wandtafeln konstruiert. Der Mann steigt aus, überschreitet den Bahnsteig und verlässt ihn über die lange Rolltreppe nach oben. Es regnet.

1 Trackback

  1. 07.08.2011 - Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

2 Kommentare

  1. huch, wie schön die farben aus dem ersten absatz noch nachklingen…da möchte man reinbeißen, in das dunkelkarmin, so schön sieht das aus.

  2. Die Farben sind allerdings gar nicht originär von mir, sondern wie vieles an diesem Text angelehnt an oder entnommen aus Uwe Johnsons Text “Berliner Stadtbahn (veraltet)”. So schön schreibt der.

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