Pietätlos

Am Donnerstag früh verbreitete sich die Nachricht, dass die Schauspielerin Susanne Lothar mit 51 Jahren diese Woche “plötzlich” und “unerwartet” verstorben sei.

Mich triggert sowas. Aus persöhnlicher Erfahrung mit recht plötzlichen und unerwarteten Toten. Weil ich ihre Schauspielerei mochte. Weil es mich als Vater berührt, dass sie zwei nun vollwaise minderjährige Kinder hinterlässt.
Ich habe deshalb einige Nachrufe gelesen. Und bin angewidert.

Fast immer geht es darin voller Anerkennung darum, dass sie für die Schauspielerei Grenzen überschritten hat, sich ausgebeutet, die Extreme gezeigt,gesucht, ausgekostet hat, etc. pp. Vielleicht muss das so sein bei großen KünstlerInnen.
Aber beim Lesen fällt auch auf, dass es immer Macker waren, die sie als Regisseure für extreme Inszenierungen eingesetzt, wenn nicht verwendet haben. Ich kann nicht beurteilen, ob Susanne Lothar das selbstbestimmt so wollte oder vor allem im an sich ausbeuterischen Theaterbetrieb nicht anders konnte. Ich finde es aber schon etwas fragwürdig, das Phänomen unhinterfragt in die Lobhudelei eines Nachrufs zu übernehmen.

Mindestens grenzwertig fand ich, dass Lothars schauspielerischer Extremismus in den Nachrufen Print wie auch Online vielfach mit Bildern ihrer halbnackten Performance in Zadeks Lulu-Inszenierung illustriert waren. Natürlich auch bei der neubürgerlichen Boulevardpostille taz. Macht die bloße(!) Darstellung von Verletztsein eine große Schauspielerin aus? Ist ein solches Bild angemessen für einen Nachruf?
Ich sehe durchaus Argumente für die künstlerische Darstellung von Nacktheit auf der Bühne und verstehe, dass diese dann auch durch Fotos nach außen kommen, vielleicht sogar jenseits sexistischer Klischees der Werbung. Das Gemächt von Lars Eidinger kenne ich auch nicht nur von der Schaubühnenbühne direkt sondern aus den Feuilletons.
Aber in der Kombination der (Semi-)Nackheit der Lulu-Bilder mit dem oft schwärmerischen Beschreiben der Lotharschen Kunst, sich von (männlichen) Regisseuren schier kaputt inszenieren zu lassen, erscheint mir hier ein besonders voyeuristisch-sexistisches Amalgam in diesen Nachrufen zu entstehen.

Nun haben Nachrufe immer ein voyeuristisches Moment, aber dass hier die Ausbeutung der nun toten Künstlerin so auf die Spitze getrieben wird, ist schon besonders pietätlos.

Den Gipfel der Unmöglichkeiten hat allerdings für mich Mathias Matussek erklommen. Er durfte sich bei Spiegel Online (Kein Link aus Pietätsgründen) in der neuerdings so beliebten Gattung des “Nachrufs eines Promfreundes” üben. Das ist ihm insofern glänzend gelungen, als dass auch er im Nachruf vor allem über sich schreibt und Selbsterhöhung betreibt. Als guter Freund der Familie, implizit als früher Förderer der nun toten Schauspielerin, als offenbar größter Fan und so fort.
Dabei kommt er umfangreich auf die erwähnte Lulu-Inszenierung zu sprechen. Und delektiert sich an der künstlerischen Größe Lothars. Die für Matussek an diesem Punkt vor allem aus ihrem Erbrochenen und ihren für ihn eindeutig hässlichen Brüsten besteht.

Ob noch mehr Chauvinismus, Sexismus und Pietätlosikeit in einem Nachruf möglich ist? Noch mehr Degradierung zum Objekt männlicher Perversionen? Wer solche Freunde hat…

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