Wie Hannover

Vor rund 48 Stunden ging es in den Popsplits auf rbb um den Song “Life’s a beat” von Plan B. Es ging also um einen Song von Johnny Haeusler.
Ich kannte Plan B nicht. Also zwar weiß ich, dass es die gab und kannte auch schon die Story, wie sie mal Vorgruppe von The Clash wurden. Aber musikalisch habe ich mir, ehrlich gesagt, nie die Mühe gegeben, Plan B. kennenzulernen. in der Nacht auf Samstag aber, nachdem ich beim ndr gesehen hatte, dass Nana Mouskouri weint ein Buch über Prokratination geschrieben hat, hab ich reingeschaut bei den Popsplits. Voll der Punk war meine Idee von Plan B, von wegen Clash-Support und so. Und dann war das aber gar nicht so. Im Gegenteil, mich erinnerte das doch alles an eine andere Band. Sogar an dem Punkt, an dem Johnny erzählt, die Plattenfirma fand das 1993 voll doof, dass er mit verzerrter Stimme singt, dachte ich, aber das haben DIE doch damals auch gemacht. Jetzt habe ich ein bisschen Plan B gehört und mit denen verglichen und ich bleibe dabei:

Wer Plan B mag, müsste auch Fury in the Slaughterhouse mögen (Zumindest bis “Brilliant Thieves”).

Ich mochte die mal ganz arg. Trotz Hannover. Ich hab einige großartige Konzerte von denen erlebt, zu ihrer Musik geknutscht und so weiter, manchmal auch teenie-esk einsam am Räucherstäbchen ein Tränchen verdrückt, während ihre Platten liefen.
Deshalb: Nichts für ungut, Johnny. Ich mein’s gar nicht so böse, wie es auf den ersten Blick aussieht. Ich mein’s eigentlich überhaupt nicht böse. Und hey, Dein “icy” hat die gleiche Motivation wie Wingenfelders “Rainy April Day” auf der “The Hearing and the Sense of Balance“.

Nun ja. Auch Fury in the Slaughterhouse sind so eine 90er-Nostalgie-Kiste und mittlerweile aufgelöst. Die 90er… Dieses komisch hippieske Jahrzehnt mit Neonfarben, Basecaps und Holzfällerhemden zwischen Nirvana und Mark ‘Oh. Meine Adoleszenz-Zeit. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Wie Hannover.


(Direktpäckchen)

Der 28.-beste Song aller Zeiten

Ich hatte schon sexuelle Erfahrungen mit nackten Frauen, bevor ich das erste Mal Musikfernsehen schauen durfte. Wir hatten zuhause nämlich nur drei TV-Programme, bis ich 15 war.

Dann gab es MTV und Ray Cokes und ich fand’s geil. Und hatte eine Geschäftsidee. Deutsches Musikfernsehen! Als ich diese Idee meinen medienerfahreneren Freunden vorstellete, sagten die: Gibt’s bald schon, soll VIVA heißen. Scheiße! Das ist nun auch schon wieder ein Weilchen her. Mehr Erfolg mit deutschem Musikfernsehen hatte der Nilz, wie er hier beschreibt.

Der Nilz beschreibt auch die 100 besten Songs aller Zeiten auf seinem Blog (Da fehlen noch ein paar Plätze, aber das kommt). Das erinnert mich an die Zeit, als ich noch Radiomoderator werden wollte. Da gab es nämlich im ehemals wilden Süden in Kooperation mit dem auch schon verschwundenen Ostjugendradio DT 64 so ne Top 1000-Nummer beim heute dummfusionierten Radiosender SDR3, bei der die Hörer der beiden Hörfunkstationen ihre Lieblingslieder nannten und dann eben in tagelanger Arbeit diese 1000 und mehr Titel als Hitparade in Ultrakurzwelle abgefeiert wurden. So ähnlich ist es beim Nilz. Der hat sich nämlich bei seiner Top 100 auch Mitbestimmer gesucht. Ich zeichne bei Nilzens Schlagerparade für den Platz 28 verantwortlich.

Hier ist er (um mich folgend selbst zu zitieren):

Eigentlich bietet Billy Corgan im neuen Jahrtausend mit Zwan und Soloprojekt und fragwürdiger Reunion genug Angriffsfläche, um ihn nie nie nie in eine Bestenliste guter Musik mit aufzunehmen. Und spätestens nach “Adore” waren seine Varianten des ewig gleichen Sounds erschöpft, alles folgende ist traurige Einöde. Letztlich bleiben die Smashing Pumpkins ein Phänomen der 1990er, welches lediglich aus Nostalgiegründen heute noch hörbar ist. Mit einer Ausnahme: Disarm.
Auch wenn diese schaurig traurigschöne Ballade sicher bei der einen oder dem andern zu oft durch die Boxen lief, die Einfachheit und der Pathos (die sich zugegebenermaßen recht leicht auf die Akkustikgitarre dort und Streicher mit Glocken hier zurückführen lassen), die hier eine seltene Symbiose eingehen, bleiben in dieser speziellen Mischung herausragend. Auch wenn es letztlich selbstmitleidiges Geheule ist, das die schwere Kindheit heranzieht, um die eigenen Schweinereien zu entschuldigen, soviel Schmerz, Sehnsucht, Trauer und Liebe gab es selten in einem kleinen und so eingängigen Lied, “Disarm” ist dabei die Antithese von Nirvanas “Smells like teen spirit”. Beide haben eine gewisse Rotzigkeit, aber während Cobains zu große Hymne trotzig ist, zelebriert “Disarm” die spätpubertäre Verletzbarkeit. Zu Kurt Pogo tanzen, bei Billy knutschen (und dabei auch ein wenig an D’arcy denken), obwohl das Lied vom Wehtun kündet.


[Direktbitternessofonewhoisleftalone]

Und Nilz: Danke für die Glückwünsche!

Jazz

Punk hat der Gegenwart nichts mehr mitzuteilen.

Ein wahres Wort aus einem Artikel der gestrigen taz. Interessanterweise nicht aus dem Interview mit Campino, aus dem klar wird, dass und warum die Toten Hosen in der selben Liga spielen wie Smokie.

Ich war nie Punk. Und nie HipHopper. Wenn ich irgendwann mal irgendsoeine Untergruppe der Identitätsfindung war, dann, ohne es explizit zu wollen, Hippie. Um Lagerfeuer oder auf Dachböden rumsitzen und zur Gitarre singen, die Welt ist schlecht, wir sind die Guten, Lichterketten gegen alles Böse.
Punk sein ging nicht, auch wenn ich Punk hörte. Das lag vor allem an dem Mitschüler, der sich als Punk definierte und zu Punkparties einlud, auf denen dann neben Dead Kennedys und Wizo “Bombe” von den Prinzen lief. Ironiefrei aufgelegt, wohlgemerkt. Ansonsten war ich zu eitel und zu sehr Streber für Punk.
HipHopper konnte ich nicht werden, weil mir außer De La Soul und den Fantastischen Vier damals kein Rap gefiel. Ich hab zwar mal für eine Theatergruppe selbst Raptexte geschrieben und performt, aber das war Gymnasiasten-Narzissmus und keine Lebenseinstellung.

Warum ich das aufschreibe? Weil ich, ohne HipHopper sein zu wollen, Tobias Rapps Plädoyer gegen Punks hiermit unterschreibe.

Björn Grau


(Direktplane)

Fade to Grey

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