Aufpassen

Take Care

(Was Vierjährige eben so vor dem Einschlafen diskutieren wollen.)

Papa, wer ist Gott?

Viele Menschen glauben, dass es einen Gott gibt, der auf uns alle aufpasst.

Was glauben wir?

Was glaubst Du? Gibt es einen Gott?

Nein.

Und wer passt dann auf?

Na, Mama und Du.

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Bild “Take Care” von tomthejet, Lizenz: cc-by-nc-sa 2.0

Ach, Sven

Ich war neu und wollte die Vorlesung zur Sozialgeschichte der Literatur hören. Und für ein Referat über die Roten Brigaden hatte ich mich auch schon angemeldet. Aber dann wurde mal wieder die Bildung zu Grabe getragen (wahlweise auch geklaut) und ein Vierteljahr später hatten wir uns derart für unsere Zukunft eingesetzt, dass wir uns in so einer Art Koalitionsverhandlung für den neuen AStA befanden. Als gute Geisteswissenschaftlerinnen hatten wir uns das Kulturreferat vorgenommen. Wie wir uns das denn vorstellen, wollte der alte Kulturreferent wissen. Lesungen, Filmvorführung, Konzerte, das übliche. Meinten wir. Ob wir da noch mal drüber reden könnten. Wie in: Da müssen wir nochmal drüber reden. Er schlug vor, sich zu treffen. In einer Ecke der Stadt, in der AStA-Referenten eher nicht wohnen. Direkt am Hinterausgang der S-Bahn-Station links. In der Tür ein schwerer, dicker Teppich, der die Kälte draußen und den Rauch drin ließ. Am Tresen Menschen mit grauen Haaren und grauen Gesichtern. In Baumwollsweatshirts und Karohemden. Drüber dünne Leder- oder Jeansjacken. Mehrheitlich langhaarig. Ausschließlich Selbstgedrehte. Hinterm Tresen die Wirtin. Und die kleine Küche für die Suppe und die belegten Brote. Oder den Salat. Mit Schafskäse. Und Oliven. Bis zehn. Danach nur Erdnüsse oder Salzstangen. Nach dem Tresen der Gastraum. Einfache Holztische und Stühle. Darauf ein Kästchen mit Bierdeckeln und alte Plastikascher. Wir reden. Der alte Kulturreferent hatte seiner Mutter ( wohnte in Bayern) zu Weihnachten einen alternativen Berlin-Roman geschenkt. Weil sie glaubt, er lebe so wie in diesem Romanen. Sagt er. Was wir denn unter Kulturpolitik an der Hochschule verstehen. Wir trinken Bier. Schultheiß oder Jever. Wir rauchen. Filterzigaretten. Dass wir einen unreflektierten Kulturbegriff hätten. Weil Kultur doch meist nur dazu dient, die entfremdete Masse zu benebeln. Ablenkung von all dem, was schief läuft in diesem Scheiß-System. Ihr wisst schon. Irgendwas mit Opium. Sagt er. Gauloises. Raucht er. Rote. Fürs revolutionäre Bewusstsein braucht es Marx statt Slam-Poetrie? Naja, so hart will er das auch nicht gesagt haben. Kommt immer drauf an, was für Kultur. Gibt ja auch welche, die sich gegen die herrschende Klasse wendet. Und er hat ja auch immer die billigen Karten für Oper und Schaubühne fürs Studentenwerk verkauft. Ist ja eh subventioniert. Und so. Neues Bier. Wir könnten ja noch Doppelkopf spielen, sagt er. Ich bestelle Salat. Mit Schafskäse. Und Oliven. Am Tresen diskutieren die Menschen mit den grauen Gesichtern und bohren sich Zeige- und Mittelfinger in die Rippen. Vor ihnen stehen Rotweingläser. Die Wirtin dreht am Lautstärkeregler der Musikanlage. Seit einer Weile schon läuft “Damals hinterm Mond.”

Warum ich erstmal keine elektronische Gesundheitskarte bekommen muss

Wie unzählige andere auch habe ich in den vergangenen Wochen Post von meiner Krankenkasse bekommen. Darin wurde ich aufgefordert, ein Passfoto einzusenden oder im Netz hochzuladen, mit dem die Kasse dann meine elektronische Gesundheitskarte (eCard) bestücken wollte.

Ich wollte das nicht. Nicht, weil ich komplett datenparanoid bin, sondern weil das konkrete Projekt unausgereift scheint. Im Zusammenspiel von bürokratischen und technischem Unvermögen sowie deutscher Datenschutzvorgaben ist ein meiner Ansicht nach völlig unbrauchbarer Zwitter entstanden. Im praktischen Einsatz quasi nutzlos, weil vom Datenschutz eingebremst und weil längst nicht alle Ärzte kompatible Technik und notwendige Netzugänge besitzen. Dafür aber technisch in der Lage, alles Mögliche über mich zu speichern ohne brauchbare Absicherung und Verschlüsselung. Quasi das schlechteste aus beiden Welten - Aluhüte und Postprivacy im dümmsten Mashup.

Zunächst habe ich deshalb die Post meiner Kasse ignoriert. Half nichts, sie schickten Erinnerungspost. Deshalb habe ich gestern Abend eine Mail an meinen Sachbearbeiter formuliert. Den ganzen Beitrag lesen

Berliner S-Bahn (gestrandet)

Für Peter

Da sitzt unter vielen anderen eine Person in einem fahrenden Zug. Zwischen zwei Bissen Rührei schaut sie aus dem Fenster des Bordrestaurantwaggons in den grauen Morgen. Hamburg liegt schon ein gutes Stück zurück, da steht auf einem Nebengleis an einem kleinen Bahnhof im Mecklenburgischen eine Berliner S-Bahn.

Die Farben des Zuges, das Dunkelkarmin, das Ochsenblutrot, das behäbige Gelb zerstreuten kurz aufkeimende Zweifel, ich hätte mich im Zug getäuscht. “Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir unseren nächsten Halt, Jerichow. Dort erhalten sie Anschluss an eine Berliner Stadtbahn.” Ich stelle mir den Dispatcher als grinsenden Mann vor. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob Jerichow heute einen Bahnanschluss hätte. An der Berlin-Hamburger Bahn läge es nicht. Den ganzen Beitrag lesen

Armer Heinrich

Am Samstag findet bei der grünennahen Böll-Stiftung die Konferenz mit barcamp-Anteilen “netz:regeln” statt, Co-Veranstalter ist der der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM).
Auf die peinliche anfängliche Nullquote von Frauen auf dem Podium wurde von Anne schon ausführlich hingewiesen. Damit ist aber nur ein irritierender Punkt der Veranstaltung, die die Typographie ihres Titels einigermaßen halbinspiriert bei der re:publica geklaut entlehnt hat, benannt:

Ein kleinerer ist der, dass die Böll-Stiftung in ihren Einladungen die Anmeldung nicht ausschließlich, wie die mitveranstaltenden Industrielobbyisten netzaffin über mixxt.de, sondern lieber über ein eigenes Webformular erbeten hat. Während ein Account bei mixxt.de mit einer Mailadresse recht datensparsam erstellt ist, verlangt das Formular der Stiftung obligatorisch zur Mail noch die volle Postanschrift und optional Telefonnummer und Fax. Hallo Datenschutz?

Von größerer Bedeutung aber ist, wie bei Anne schon angedeutet der Titel und mit ihm die Programmgestaltung.

Natürlich ist auch eine Vereinbarung, das nichts geregelt wird schon eine Regel (für alle, die’s ganz genau nehmen), allerdings ist “Netzregeln” durchaus zu lesen als Kampfbegriff der BITKOM gegen weitreichende Netzneutralitätsforderungen, wie sie beispielsweise in der grünroten Initiative “Pro Netzneutralität” von Malte Spitz und Björn Böhning vertreten wird. Dieser kann mensch durchaus kritisch gegenüber stehen, dennoch sei hier erinnert an die Äußerungen von BITKOM-Geschäftsführer Bernhard Rohleder nach einer Sitzung der Projektgruppe “Netzneutralität” der Enquetekommission “Internet und Digitale Gesellschaft” des Bundestages im August, der lieber von “Netzdifferenzierung” sprechen will.

Am Samstag wird es nun zwei Panels zur Netzneutralität geben.
Eines, das mit “Neutral bis zum Kollaps? Netzneutralität und Internetwirtschaft” schon eine reichlich suggestive Überschrift erhalten hat und mit Thomas Jarzombek (MdB CDU, IT-Unternehmer), Alexander Görlach (CDU-nah, The European Blog), Nikolaus Lindner (Leiter Government Relations bei Ebay, die “Pro Netzneutralität” unterstützen) und Wolfgang Kopf (Leiter Politik und Regulierung der Deutschen Telekom AG) nur bedingt kontrovers und vor allem komplett ohne Nutzerbeteiligung besetzt ist.
Das andere, im Anschluss an das erste stattfindende Panel stellt dann wohl den Gegenpol zum ersten dar: “Netzneutralität: Netzwerkmanagement aus Sicht der Nutzer/Verbraucher”. Es diskutieren: Dr. Iris Henseler-Unger (Vizepräsidentin Bundesnetzagentur, die ja so eigene Vorstellungen von Netzneutralität haben), Lutz Donnerhacke (AK Zensur), Dean Ceulic (eco - Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V.), Annette Mühlberg (Referat E-Government, Neue Medien bei ver.di) (angefragt) und Markus Beckedahl (angefragt).

Eine Vermittlung von gegensätzlichen Positionen findet so nur erschwert statt und das Agendasetting wird wohl aus reinen Abfolgegründen dem ersten Panel obliegen, während das zweite Gefahr laufen kann, nur noch auf das erste zu reagieren. Mein Gefühl, dass sich die Jungs in Panel 1 einiger sein werden als die zweite Runde, mag Paranoia sein, ich frage mich aber schon, warum hier ein Industrieverband (ich frage mich das mit Hinblick auf Interessenspluralität, unabhängig von deren Netzneutralitätsposition) mit von der Partie ist, während die Nutzer dort außen vor bleiben.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Böll-Stiftung hier nicht nur beim Thema Gender gepennt und das Thema Datenschutz nicht allzu sensibel bedacht hat, sondern sich auch noch weitgehend bei der Programmgestaltung auf BITKOM verlassen hat.
Aber vielleicht geben die anderen Panels, die Selbstbeteiligungselemente und die hoffentlich in Vielzahl teilnehmenden Frauen dem Tag noch eine buntere, emanzipatorischere und kritischere Wendung. Wenn BITKOM schon die Begriffe besetzen darf, können wir ja wenigstens die Inhalte füllen.

Ich bin jetzt Print

Stimmt natürlich nicht so ganz, dass das erst jetzt so ist. Zum einen hab ich früher ja schon mal für eine gedruckte Tageszeitung gearbeitet, zum andern tauchten meine ersten gedruckten Onlinebeiträge in der gedruckten Zeitung zur ersten re:publica 2007 und im Daily-Monster-Buch auf. Und im Stijlroyal-Magazin Nummer 13 durfte ich auch was schreiben, nachdem ich für die Nummer 12 schon interviewt wurde.

twitterbuchcover

Aber: Nun bin ich Mitherausgeber und das ist ja schon was anderes. Ich freu mich also schwer, dass heute unser Best-of-Twitterlesung-Buch bei PONS erscheint! Ich freu mich so schwer, dass ich dafür sogar unter die Filmemacher gegangen bin und den Herausgeberkollegen @mspro zum Buch interviewt habe:

Der Verlag hat auch noch ein Video zum Buch machen lassen. Und nun könnt Ihr es also kaufen. Am besten in Eurer Lieblingsbuchhandlung. Oder in meiner. Online bestellen geht auch. Hier zum Beispiel. Danke.

Auf der deutschen Bahn

In der Mitte des Landes ist alles gelbbraun. Außer dem Klee und dem andern Zeugs, das grün auf manchen Äckern steht, um alsbald untergepflügt zu werden. Während der Nebel in den Tälern die Zeit entrückt, stehen auf den Lichtungen der bewaldeten Höhen Rotwildgroßfamilien und sonnen sich. Das ist so schön hier, so romantisch. Kein schöner Land mitten in der Bundesrepublik. Heimat, zum Erbrechen idyllisch. Goldener Oktober, ach hau mir ab. Heute ist Volkstrauertag und wir sind eben in einem überfüllten Nahverkehrszug mit dicken Kindern und besoffenen Männern mit grauer Haut und billigen Kleidern aus Kassel raus.

Es ist Ende Juni und in Westdeutschland angeblich schon warm. Ich freu mich drauf. Samstagmorgen, aus Berlin sind vor allem junge Menschen auf dem Weg in die alte Heimat. Zeitungen, Zeitschriften, Notebooks und hochwertige In-Ear-Kopfhörer schaffen eine entspannte, fast stille Atmosphäre. In Braunschweig wird der Zug voll. Auf einmal höre ich hinter mir eine Stimme, in die all die Enttäuschungen einer Jahrzehnte währenden Ehe hineingelegt sind: “Erwin, ich habe einen Platz, wo du mir gegenüber sitzt. Kommst du bitte mit?” Ja, es gibt Möglichkeiten, sich im Lebensabend für all die Demütigungen des Patriarchats zu rächen. Immerhin hat sie “bitte” gesagt. Georg hat es da nicht so gut. Der alte Mann wird von seiner Frau platziert, dann soll er Zeitung lesen. Sie setzt sich neben mich. Leider ist der Sitz im ICE-Großraumabteil zu schmal für ihren Hintern. Aber ich hab ja noch ein bisschen Platz. Sie packt eine Packung Tiefkühlobstkuchen aus, in die sie, eingehüllt in einen Gefrierbeutel, einen Pappteller mit dem aufgeschnittenen Tiefkühlobstkuchen gepackt hatte. Dann ruft sie Georg zu sich, fragt wieviel Kuchen er will, gibt ihm zeitgleich zwei Stück und verkündet dem ganzen Abteil, dass müsse vorerst genügen, sie habe aber auch noch belegte Brote dabei. Georg, scheinbar halb so groß und halb so breit wie seine Frau, schweigt und trollt sich. Sie löst Kreuzworträtsel in einer Adels- und Schlagerpromipostille. Irgendwann steht er auf. Zwischen zwei Bahnhöfen. Einfach so. Panische Reaktion auf der anderen Hälfte meines Sitzes und dem daneben: “Georg, was ist mit Deinem Platz? Georg, setz dich wieder hin!” Georg zeigt einen halbherzigen Versuch der Auflehnung, murmelt irgendetwas, was wirsch sein soll, aber resigniert klingt. “Georg, die Leute sind schon ganz genervt von uns! Immer wenn wir verreisen, machst Du solche Probleme. Wir wollen den Leuten doch nicht dauernd zur Last fallen!”

Marianne hat Pizzaschnecken gemacht. “Wat tust du da drin?”, fragt Gisela. “Ein Becher Schmand, zwei Esslöffel Zwiebelsuppe von dem Pulver, Speckwürfel und Kräuter.” Mir ist schlecht. Gisela hat geschnittene Kohlrabi, Cocktailtomaten und Kräutersalz dabei. Es ist Hochsommer, die Klimaanlage im Zug arbeitet, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend. Dennoch ist mir der Duft des Kohlrabi hundertmal lieber als der, den vorhin die Füße der jungen VWL-Studentin nach dem Abstreifen der Mokassins verströmten. Die Füße und deren Besitzerin verließen mich aber schon in Gütersloh. Else hat zu Mariannes Pizzaschnecken und dem Kohlrabi, den Cocktailtomaten und dem Kräutersalz von Gisela noch Karottenschnitze, Cocktailtomaten, Käsewürfel und Trauben mitgebracht. Die drei Gatten haben Brot aus den Reisetaschen gekramt. Auch geschnittene Paprika ist da. “Iss doch mal wat Gesundes, hoho.” Gemeinsam öffnen sie ihre Gefrierbeutel und großküchentauglichen Plastikvorratsdosen, breiten alles auf den Tischen der zwei Vierersitzgruppen im Intercitywagon aus. Zum Essen wird Discountersekt halbtrocken in rosa Plastikbechern gereicht. Marianne: “Sind doch lecker, die Pizzaschnecken, ne?” “Joah… Geht wohl”, kaut Gisela genussvoll mit vollem Mund zurück. “Wollen sie auch ne Kohlrabi, junger Mann?” Sie sind aus Westfalen auf dem Weg in den Urlaub in Ostdeutschland. Nur praktische Kurzhaarfrisuren haben die Frauen wunderlicherweise keine. Ich schwitze. Da zeigt sich die Lebenstüchtigkeit von Reisegruppen kurz vorm Renteneintrittsalter. Else schickt Reinhold, um den Zugebgleiter zu holen. Wenn schon die Klimaanlage nicht funktioniert, sollen doch wenigstens die Fenster geöffnet sein. Uns umweht alsbald ein beinahe frischer Wind. Als Mariannes Mann aufsteht, um zur Toilette zu gehen, steigt der Duft von Schweißfüssen wieder in meine Nase. Als Mariannes Mann zurückkommt, setzt er sich zu Else, Gisela und deren Mann. Sie spielen Doppelkopf. Reinhold unterhält sich mit Marianne darüber, dass die Zeitung geschrieben hat, man solle nicht mehr den Garten wässern, weil das Grundwasser so stark zurückgeht. Zwischendurch erfragt Reinhold Mariannes Handynummer. Marianne lacht: “Ach ja, so is dat alle.”

Do you geht what you see?

Die Berlinale hat ein etwas kompliziertes Ticketverkaufsprocedere. Es gibt nur ein geringes Kontingent der Karten online, der Rest geht über den Reallife-Vorverkauf am Kartenhäuschen oder an der Tageskasse weg. Der Reallife-Vorverkauf startet in der Regel drei Tage vor der Erstaufführung eines Films auf dem Festival, Wiederholungen sieht ab vier Tage im Voraus zu haben. Für ausgewählte Kinos, Sektionen und den gesamten Publikumssonntag am Ende des Festivals gilt die Beschränkung aber nicht.
Das führt bei der Vielzahl an Filmen, die hier in Berlin in diesen Tagen laufen, schnell zu heillosem Chaos in der eigenen Kinobesuchsplanung. Auch braucht diese Planung in ihrer Umsetzung viel Zeit, muss man doch mehrere Male stundenlang an den Vorverkaufskassen anstehen, um dann doch nie alle Tickets zu bekommen, da einige Filme mittlerweile schon ausverkauft sind.

Dieses Planungschaos setzt sich spätestens dann im Filmkonsum und dadurch im eigenen Kopf fort, wenn der dritte Film am Tag läuft oder der vierte Festivaltag angebrochen ist. Dann bist du drin in der Parallelwelt aus großen Leinwänden und dunklen Sälen, aus Geschichten und Bildern, das Rennen von Kino zu Kino, der viel zu kurze Schlaf zwischen Spät- und Frühvorstellung.
Da passt es gut, dass die Illusionsmaschine Kino seit jeher gern die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Einbildung stellt und auch diesen Winter wieder viele Filme unsere Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten auf die Probe stellen.

Schade, wenn das so platt wie in “Shutter Island”, Martin Scorsese neuem Film über Wahnsinn und Traum, passiert. Da kann Leonardo di Caprio noch so intensiv spielen, wenn eine ausgelutschte Bildmetaphorik des Wahnsinns (Sturm! Blitze! klaustrophobische Kapellen! Verwinkelte Treppenhäuser!) und düstere Filmmusik das eh schon Offensichtliche eins zu eins darstellen sollen und uns die Figuren dann auch noch erzählen müssen, wie kafkaesk das alles ist.. ach nein.

Aber zum Glück laufen ja noch ein paar hundert Filme, die nicht eh später im Blockbusterkino gezeigt werden.
“One day” zum Beispiel, eine herrlich langsamer Liebesfilm aus Taiwan um zwei gerade Erwachsene junge Menschen. Wenig Worte, viele elend lange und simple Einstellungen und dann bricht völlig überraschend Horror oder Absurdität ein in die Traumwelten zweier Verliebter. Die beiden verbindet ein Traum, den sie am Beginn der erzählten Geschichte träumt und er am Ende. Wenn nicht ein ganz anderer Teil des Erzählten ein Traum ist. Letztlich ist es im Leben wie mit Noppenfolie, so der Film. Irgendwas muss platzen und das ist auch schön.

Manchmal haben Wahrnehmen und Sehen etwas mit Zufall zu tun. Ich wusste nicht, dass mein alter Freund Thomas auch dieses Jahr wieder bei der Berlinale arbeitet. Wir haben ihn am Sonntag zufällig am roten Teppich des Berlinale Palastes stehen sehen in der Uniform der Kartenkontrolleure. Wir hatten nicht auf dem Schirm, dass jetzt gleich Ben Stiller hier ins Kino geht. Aber als Thomas uns Plätze neben den Pressefotografen klar macht, sagen wir nicht nein.
So nah siehst Du so jemanden ja nicht alle Tage. Konnte ja keiner ahnen, dass der Akku unserer Kamera schlapp macht, nachdem wir Klaus Wowereit geknipst hatten, aber Ben Stiller noch nicht eingetroffen war. Also keine Erinnerungsbilder mit Ben.

Dass ich spätabends dann die Premiere von Banksys “Exit through the Gift Shop” sehen würde, war mir auch nicht klar. Ich war nur verwundert, dass wir alle, die wir ins Kino gingen, dabei von Fernsehkameras und Pressefotografen eingefangen wurden. Da war wohl der Festivalleiter schuld dran, hat er doch behauptet, der große unbekannte Banksy selbst sei in der Stadt und vielleicht ja auch im Kino. Und die Journalisten und wir alle fragten uns. Ist er da? Bin ich etwa? Nein, das fragten sich wohl eher weniger. Neben mir saß er auch nicht. Außer er ist eine deutsche Frau. Sein Film allerdings zeigt neben einer kleinen Geschichte der Streetart, sehr unterhaltsam wie Kunst und Kunstmarkt durch Schein und Vernebelung funktionieren.

Ich muss los, rein in die Wahrnehmungsüberforderung. Heute sind noch zwei Filme auf dem Programm und zwischendurch nochmal für Karten anstehen. Ich mag die Berlinale.

Schon Herbst?


(cc)

Reden wir über ein echtes Wahlkampfthema: Das Wetter.

Mein Bruder hat früher konsequent jede Unterhaltung abgebrochen, wenn sie zum Wetter kam. Wer übers Wetter redet, hat nichts zu sagen, so seine Begründung. Ich hingegen muss übers Wetter reden. Ständig. Ich habe eine sehr emotionale Beziehung zu Luftdruck, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit und Niederschlagsmengen. Für mich wurde das Kachelmann-Format bei den Tagesthemen erfunden.

Ganz besonders heikel für mich ist, wenn das Wetter auf Herbst umschwenkt. Ich will Sommer.

Ich will ewig am See liegen und im See schwimmen, behütet von einem lieblichen Schäfchenwolkenhimmel und bei 23 Grad Celsius Wassertemperatur. Ich will nach dem Baden kein Handtuch benutzen, sondern vom Sommerwind trocken werden. Abends einen leichten Sonnenbrand auf der Stirn. Nachts das Fenster offen haben und dem Sommerregen dabei zuhören, wie er etwas Abkühlung in unsere staubige Straße bringt.

Insofern ist der September eine heikle Zeit. Mit dem nächsten Wetterumschwung ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Dann wird der Regen unangenehm kalt und hartnäckig, dann ist es nicht mehr lang zu den ewig grauen Tagen mit den tief hängenden blickdichten Wolkendecken und den Nebelfeldern. Dann besteht das Leben wieder aus öden Tiefdruckgebieten.

Solange aber die Sonne scheint und das Thermometer am Küchenfenster schon morgens an der 18 Grad-Marke vorbeiklettert und das Deo bereits um 9:00 in der Früh versagt, solange nehme ich jeden Sommersekunde mit, als könnte es die letzte sein. Und nebenher schau ich verstohlen in die Wettervorhersage und hoffe, dass es in 14 Tagen wirklich noch einmal knapp 29 Grad werden und ich die Badehose einpacken kann.
Dieser Selbstbelügungsquatsch von wegen goldener Oktober und die als Gemütlichkeit getarnte Flucht vor der Winterdepression in aufgewärmten Weihnachtsmarktalkohol kommt noch früh genug. Solange gilt: Bleibt mir weg mit Lebkuchen!

Urlaubsbeginn

I can’t get no. Natürlich ist es schon hell draußen. Es ist Sommer. Um fünf ist es immer hell draußen. Im Sommer. Selbst zuhause. Ist mir sonst auch egal. No sleep. Hier ist es noch nicht mal still. Autos fahren hörbar in gemäßigtem Tempo vorbei. Wie zuhause. Kein Grund aufzuwachen. Das Kirchenglockenläuten zur halben und vollen Stunde. Wie früher, als ich noch auf dem Dorf wohnte. Ein Grund?
Ich kann das Meer hören. Die Tauben gurren. Die Küchenuhr klackert. Ich stehe mit nackten Sohlen auf den harten Gummirauten der Fußmatte vor der Terrassentür und spüre dem Schmerz nach.
Es hilft nichts. Ich bin müde. Ich kann nicht. Ich könnte mich anziehen. An den Strand gehen. Nicht einschlafen. All die to-dos. All die Kontakte. Dabei habe ich alle Aufgaben, alles Material, alle Arbeit zuhause gelassen, um nichts zu tun, um zu entspannen.
Ich bin nervös. Ich habe Angst. Dann fällt mir ein, woher ich Wiesbaden kenne.

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