Do you geht what you see?

Die Berlinale hat ein etwas kompliziertes Ticketverkaufsprocedere. Es gibt nur ein geringes Kontingent der Karten online, der Rest geht über den Reallife-Vorverkauf am Kartenhäuschen oder an der Tageskasse weg. Der Reallife-Vorverkauf startet in der Regel drei Tage vor der Erstaufführung eines Films auf dem Festival, Wiederholungen sieht ab vier Tage im Voraus zu haben. Für ausgewählte Kinos, Sektionen und den gesamten Publikumssonntag am Ende des Festivals gilt die Beschränkung aber nicht.
Das führt bei der Vielzahl an Filmen, die hier in Berlin in diesen Tagen laufen, schnell zu heillosem Chaos in der eigenen Kinobesuchsplanung. Auch braucht diese Planung in ihrer Umsetzung viel Zeit, muss man doch mehrere Male stundenlang an den Vorverkaufskassen anstehen, um dann doch nie alle Tickets zu bekommen, da einige Filme mittlerweile schon ausverkauft sind.

Dieses Planungschaos setzt sich spätestens dann im Filmkonsum und dadurch im eigenen Kopf fort, wenn der dritte Film am Tag läuft oder der vierte Festivaltag angebrochen ist. Dann bist du drin in der Parallelwelt aus großen Leinwänden und dunklen Sälen, aus Geschichten und Bildern, das Rennen von Kino zu Kino, der viel zu kurze Schlaf zwischen Spät- und Frühvorstellung.
Da passt es gut, dass die Illusionsmaschine Kino seit jeher gern die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Einbildung stellt und auch diesen Winter wieder viele Filme unsere Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten auf die Probe stellen.

Schade, wenn das so platt wie in “Shutter Island”, Martin Scorsese neuem Film über Wahnsinn und Traum, passiert. Da kann Leonardo di Caprio noch so intensiv spielen, wenn eine ausgelutschte Bildmetaphorik des Wahnsinns (Sturm! Blitze! klaustrophobische Kapellen! Verwinkelte Treppenhäuser!) und düstere Filmmusik das eh schon Offensichtliche eins zu eins darstellen sollen und uns die Figuren dann auch noch erzählen müssen, wie kafkaesk das alles ist.. ach nein.

Aber zum Glück laufen ja noch ein paar hundert Filme, die nicht eh später im Blockbusterkino gezeigt werden.
“One day” zum Beispiel, eine herrlich langsamer Liebesfilm aus Taiwan um zwei gerade Erwachsene junge Menschen. Wenig Worte, viele elend lange und simple Einstellungen und dann bricht völlig überraschend Horror oder Absurdität ein in die Traumwelten zweier Verliebter. Die beiden verbindet ein Traum, den sie am Beginn der erzählten Geschichte träumt und er am Ende. Wenn nicht ein ganz anderer Teil des Erzählten ein Traum ist. Letztlich ist es im Leben wie mit Noppenfolie, so der Film. Irgendwas muss platzen und das ist auch schön.

Manchmal haben Wahrnehmen und Sehen etwas mit Zufall zu tun. Ich wusste nicht, dass mein alter Freund Thomas auch dieses Jahr wieder bei der Berlinale arbeitet. Wir haben ihn am Sonntag zufällig am roten Teppich des Berlinale Palastes stehen sehen in der Uniform der Kartenkontrolleure. Wir hatten nicht auf dem Schirm, dass jetzt gleich Ben Stiller hier ins Kino geht. Aber als Thomas uns Plätze neben den Pressefotografen klar macht, sagen wir nicht nein.
So nah siehst Du so jemanden ja nicht alle Tage. Konnte ja keiner ahnen, dass der Akku unserer Kamera schlapp macht, nachdem wir Klaus Wowereit geknipst hatten, aber Ben Stiller noch nicht eingetroffen war. Also keine Erinnerungsbilder mit Ben.

Dass ich spätabends dann die Premiere von Banksys “Exit through the Gift Shop” sehen würde, war mir auch nicht klar. Ich war nur verwundert, dass wir alle, die wir ins Kino gingen, dabei von Fernsehkameras und Pressefotografen eingefangen wurden. Da war wohl der Festivalleiter schuld dran, hat er doch behauptet, der große unbekannte Banksy selbst sei in der Stadt und vielleicht ja auch im Kino. Und die Journalisten und wir alle fragten uns. Ist er da? Bin ich etwa? Nein, das fragten sich wohl eher weniger. Neben mir saß er auch nicht. Außer er ist eine deutsche Frau. Sein Film allerdings zeigt neben einer kleinen Geschichte der Streetart, sehr unterhaltsam wie Kunst und Kunstmarkt durch Schein und Vernebelung funktionieren.

Ich muss los, rein in die Wahrnehmungsüberforderung. Heute sind noch zwei Filme auf dem Programm und zwischendurch nochmal für Karten anstehen. Ich mag die Berlinale.

Schon Herbst?


(cc)

Reden wir über ein echtes Wahlkampfthema: Das Wetter.

Mein Bruder hat früher konsequent jede Unterhaltung abgebrochen, wenn sie zum Wetter kam. Wer übers Wetter redet, hat nichts zu sagen, so seine Begründung. Ich hingegen muss übers Wetter reden. Ständig. Ich habe eine sehr emotionale Beziehung zu Luftdruck, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit und Niederschlagsmengen. Für mich wurde das Kachelmann-Format bei den Tagesthemen erfunden.

Ganz besonders heikel für mich ist, wenn das Wetter auf Herbst umschwenkt. Ich will Sommer.

Ich will ewig am See liegen und im See schwimmen, behütet von einem lieblichen Schäfchenwolkenhimmel und bei 23 Grad Celsius Wassertemperatur. Ich will nach dem Baden kein Handtuch benutzen, sondern vom Sommerwind trocken werden. Abends einen leichten Sonnenbrand auf der Stirn. Nachts das Fenster offen haben und dem Sommerregen dabei zuhören, wie er etwas Abkühlung in unsere staubige Straße bringt.

Insofern ist der September eine heikle Zeit. Mit dem nächsten Wetterumschwung ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Dann wird der Regen unangenehm kalt und hartnäckig, dann ist es nicht mehr lang zu den ewig grauen Tagen mit den tief hängenden blickdichten Wolkendecken und den Nebelfeldern. Dann besteht das Leben wieder aus öden Tiefdruckgebieten.

Solange aber die Sonne scheint und das Thermometer am Küchenfenster schon morgens an der 18 Grad-Marke vorbeiklettert und das Deo bereits um 9:00 in der Früh versagt, solange nehme ich jeden Sommersekunde mit, als könnte es die letzte sein. Und nebenher schau ich verstohlen in die Wettervorhersage und hoffe, dass es in 14 Tagen wirklich noch einmal knapp 29 Grad werden und ich die Badehose einpacken kann.
Dieser Selbstbelügungsquatsch von wegen goldener Oktober und die als Gemütlichkeit getarnte Flucht vor der Winterdepression in aufgewärmten Weihnachtsmarktalkohol kommt noch früh genug. Solange gilt: Bleibt mir weg mit Lebkuchen!

Urlaubsbeginn

I can’t get no. Natürlich ist es schon hell draußen. Es ist Sommer. Um fünf ist es immer hell draußen. Im Sommer. Selbst zuhause. Ist mir sonst auch egal. No sleep. Hier ist es noch nicht mal still. Autos fahren hörbar in gemäßigtem Tempo vorbei. Wie zuhause. Kein Grund aufzuwachen. Das Kirchenglockenläuten zur halben und vollen Stunde. Wie früher, als ich noch auf dem Dorf wohnte. Ein Grund?
Ich kann das Meer hören. Die Tauben gurren. Die Küchenuhr klackert. Ich stehe mit nackten Sohlen auf den harten Gummirauten der Fußmatte vor der Terrassentür und spüre dem Schmerz nach.
Es hilft nichts. Ich bin müde. Ich kann nicht. Ich könnte mich anziehen. An den Strand gehen. Nicht einschlafen. All die to-dos. All die Kontakte. Dabei habe ich alle Aufgaben, alles Material, alle Arbeit zuhause gelassen, um nichts zu tun, um zu entspannen.
Ich bin nervös. Ich habe Angst. Dann fällt mir ein, woher ich Wiesbaden kenne.

graubrot.net

… ist übrigens auch eine URL, die zu diesem Blog führt. Das tut sie zwar schon seit rund zwei Monaten, aber ich komm ja zu nix und deshalb erst jetzt:

Herzlichen Dank, Michael, für die Geduld beim Verkauf und beim Umzug und hoffentlich auch beim Warten auf diese Credits!

Alt werden

Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen Erwachsen werden und Alt werden. Ich bin gern erwachsen. Schütteres Haupthaar habe ich seit meinem 16. Lebensjahr, die Glatze versuche ich zu überspielen, es gibt Mützem, ich bin fast 1,90 groß. Die Krampfadern am Bein sind zwar hässlich und vieleicht auch ungesund aber ich trage eigentlich nie kurze Hosen und meine Gesundheit empfinde ich als altersunabhängig.
Aber als ich da mit all diesen anderen Eltern beim Kita-Sommerfest war und auf zu kleinen Stühlen sitzen musste und zusah, wie die Kinder für uns Alte zum Beispiel ganz tolle Kritzeleien Bilder mit Wachsmalkreiden auf Papier zwängten und alle sich ausschließlich über den Nachwuchs definierten, solange sie zusammen auf den zu kleinen Möbeln saßen…

Da war ich einfach nicht drauf vorbereitet, eine neue Lebensphase zu beginnen.

Ich glaube, ich werde Elternabende hassen.

Dit is Prenzelberg

Samstag, letzter Spieltag der Fußball-Bundesliga-Saison 2008/09. Der Laufentenmann und ich wollen im Schmittz in Berlin Mitte die Konferenzübertragung anschauchen. 45 Minuten vor Anpfiff ist es da viel zu voll, um reinzukommen. Wir ziehen über Rosa-Luxemburg-Platz und Pfefferberg an diversen vollen oder uns nicht gefälligen fußballzeigenden Etablissements vorbei in den schönen Prenzlauer Berg. Auf der Lychener Straße kommen uns zwei Herren entgegen. Der eine zum andern: “Hier wohnen doch gar keine Berliner mehr!”
100 Meter weiter am Helmholtzplatz scharen sich knapp hundert VfB-Stuttgart-Fans um einen Kneipenfernseher.

Incancellabile

Ja, verdammt, ich hab mir Sorgen gemacht. Und dann melde ich mich, weil ich wissen will, wie es geht (ja, ich könnte mich auch so öfter melden) und du gehst ran und im Hintergrund läuft Laura Pausini.

Wie war’s eigentlich auf dem Politcamp09, Björn?

Was mspro sagt.
Wobei ich viel weniger mitbekommen habe, da ich ja nur am Freitagabend und am Sonntag da war.

Die Twitterlesung war so. Nächstes Mal im Stehen. Im Sofa fehlt Präsenz und der Augenkontakt zum Publikum.

Am Freitag war ich geschockt über die ganzen Jungparteipolitiker und der verschwinden geringe Anteil an politisch denkenden Menschen ohne Parteibuch. So ging’s mir dann zu unserer Session am Sonntag (siehe mspro oben) anfangs auch, gegen Ende war’s schön zu sehen, dass mensch auch mit Parteibuch kritisch denken kann.
Das gefiel mir auch bei der sonntäglichen Elefantenrunde zum Onlinewahlkampf. Ich habe selten erlebt, dass Politiker ihre Parteigenossen/freunde auch mal implizit für inkompetent erklären. Gut, es war nur auf dem belanglosen Feld der Nutzung von Twitter und Co., aber hey. Immerhin. Ich habe von dieser Elefantenrunde allerdings irgendwie immer noch den Eindruck, dass die auf dem Podium nur so teilmotiviert waren, weil sie genau wissen, dass die Netzbewohner eine vernachlässigbare Größe im Kampf um Wählerstimmen sind. Zu wenige, zu jung, zu irrelevant. Hat zwar keiner gesagt, ist aber wohl so, wenn wir mal so Daten wie Netznutzung und Bevölkerungsstruktur heranziehen.
Schön erfrischende Session zum doofen Thema Blogger und Journalisten von Dirk Baranek und Don Dahlmann. Danke Jungs!

Bei den Gesprächen abseits der Sessions mal wieder kapiert, um was es wirklich geht im Netz. Branding, SEO, Kohle. Alles andere ist süß und naiv. Ich auch.
Bei den Gesprächen abseits der Sessions doch die Systemfrage gestellt. Immerhin haben wir mal darüber geredet.
Eine tolle Nacht gehabt.

Nie wieder Spandau

Spandau Woolworth

Bis jetzt war Spandau für mich nur eine Zugdurchsage bei der Durchfahrt von Berlin nach Westdeutschland und andersrum. Spandau sagte mir nichts, interessierte mich nicht. Animositäten zwischen Spandau und Berlin habe ich völlig antriebslos und müde manchmal als Neuberliner adaptiert, aber eigentlich war mir Spandau egal.

Bis jetzt. Bis der Verwandtschaftsbesuch einen Bummel durch die Spandauer Altstadt und vor allem zur Zitadelle wünschte.

Ich wusste nicht, dass das Reutlingen, Pforzheim oder Kassel der 90er hier im Nordwesten der Bundeshauptstadt so perfekt konserviert wird. Die Tristesse der westdeutsch-provinziellen Nachkriegsarchitektur trifft auf die ewig gleichen allzeit von der überfälligen Insolvenz bedrohten Warenhäuser und Ramschläden. Und machmal versucht sich jemand am individuellen Gewerbetrieb, scheitert aber schon an der Namensgebung für die eigene Firma. “Boutique It’s OK“, was erwartet mensch da für Klamotten? Heißen Scheiß? Ich glaube nicht, Tim.
Kurzum, die Spandauer Altstadt versteckt ihr kleines historisches Potential gekonnt hinter Unmengen potthässlicher Neubauten und unzähligen White-Trash-Konsumtümpeln. Weg hier.

Hey, aber die Zitadelle! Da sagen doch alle, das lohnt sich. Nun ja.

queen's toilet

Versteckt an der hässlichen Ausfallstraße inklusive Industriegebiet könnte die Zitadelle wirklich ein schön gelegenes und imposantes Denkmal des preussischen Festungsbaus sein. Wäre da nicht eben jene Ausfallstraße mit Industriegebiet, die an einigen Punkten lückenhafte Information zur Zitadelle selbst (Rudolf Hess?), der blöde Zitadellen-Slogan “Mehr als eine Festung”, das für jeden halbwegs historisch bewanderten grausam geschichstverfälschende pseudohistorisch kochende Restaurant mit Kicherkicherwirtschaftswunderaltherrenhumor-Malereien auf den Toiletten und, saisonal bedingt, der noch grausamer geschichtsverfälschende Mittelaltermarkt im Innenhof. Und die Zukunft lässt nicht hoffen, sie erscheint auf kultureller Ebene Bi-Ba-Baby-gnadenlos.

Aber über all das könnte man lachen, es leicht überheblich als schrägen Ausflug in die Provinz abtun. Dazu würde dann auch das Abendessen aus frittierten Steaks zu Gummi-Bratkartoffeln und Fertigsahnesoße im “urigen” Lokal mit den gepflegten Bieren passen (und wieder: back to the 90ies!). Aber es geht schlimmer. Und jetzt ist es bitter ernst.

Um 20:30 Uhr versuchen wir am Karfreitag 2009 vom Rathaus Spandau aus über die dort vorbeiführende und stark befahrene mehrspurige Straße zum örtlichen Bahnhof zu gelangen. Die Fußgängerampel bietet sich für dieses Vorhaben an. Wir warten auf grünes Licht. Die sturzbesoffene adipöse Einheimische nicht. SIe läuft. Um Zentimeter wird sie nicht von einem beschleunigenden Bus erfasst, andere Autos halten mit quietschenden und qualmenden Reifen. Sie geht über die Straße, setzt sich in eine Buswartehäuschen, pinkelt auf die Bank und bleibt sitzen.
Wir gehen in den Bahnhof. Ich schwöre, ich habe in bald sechs Jahren Berlin noch nie so früh am Abend so viele völlig betrunkenen Jungendliche gesehen. Die Jungs sehen alle aus, wie ausm kik-Katalog, die Mädels sind mit “nuttig” noch charmant beschrieben. Die Kids sind aggressiv, sie pöbeln herum, sie torkeln, als sei die Party zu Ende und nicht erst der Beginn der Nacht.

Wir wollen hier weg. Ich fühle mich ganz ernsthaft nicht sicher hier, vor allem nicht mit einem kleinen Kind im Kinderwagen. Wir fragen am Informationsschalter der Bahn nach der nächsten Verbindung in Richtung Berlin. “Dit kann ick ihnen nich sagn mit all die Baustellen.”

Das ist kein Witz. Das war Spandau.
Nie wieder. Jedenfalls nicht, wenn ich ohne Sozialplan vorbeikomme.

Und da glauben alle, Neukölln wäre schlimm.

Bei mir

Manchmal fühlt es sich so richtig und gut an, dieses Erwachsensein:

Im letzten Abendlicht im Garten stehen und die Beete gießen.

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