Datenschutzpendel

Ein paar Grundlagen der Interpretationstheorie zeigen schnell, wie unwichtig und vor allem ohnmächtig in der Kommunkation (vom persönlichen Gespräch/Streit bis zur Weiterverwendung von Daten) die Autorintention schon immer war.
Es gibt die eine richtige Interpretation nicht. Jede Aussage hat Leerstellen, die wir als LeserIn/HörerIn/SeherIn (RezipientIn) mit unserem Wissen füllen müssen oder können, um etwas für uns sinnvolles daraus zu machen. Der Satz “Ich kaufe eine Kartoffel.” sagt ja beispielsweise nichts aus über die Kartoffelsorte (Linda, mehligkochend, bio, …), den Kaufort (Wochenmarkt, Discounter, Saatguthändler) oder den Kaufgrund (der beim Bauern ein anderer sein mag als beim Hobbykoch). Ohne mein Wissen um die Umstände der Äußerung dieses Satzes (wer hat das wann wem erzählt) kann ich die Dimension der Aussage nur sehr vage definieren und werde immer mein Wissen in diese Aussage hineinlegen (ich kaufe Kartoffeln nur bio, selten mehligkochend und nie als Saatgut), komme also zu MEINER Interpretation des Satzes, nicht aber unbedingt zur Intention des Sprechers.
Aber, um es an Umberto Eco angelehnt zu formulieren (der vom “Gebrauch” als negativem Gegenpart zur Interpretation spricht): Es gibt Über- und Fehlinterpretationen. Und die geschehen immer, wenn ich einer mir außenstehenden Information entgegen der in ihr enthaltenen Daten mehr von mir und meinem Wissen, meinen Intentionen anhänge, als es die Leerstellen ebendieser Information eigentlich erlauben (ich kann nicht eindeutig bestimmen, welche Kartoffel oben wofür gekauft wurde). Plump gesagt: Es gibt viele richtige Interpretationen einer Aussage, viele schwierige und viele falsche.

Datenschutz sollte m.E. die richtigen Interpretationen nicht verhindern, bei den schwierigen vorsichtig abwägen, aber gegen die falschen, insbesondere, wenn sie Selbstbestimmungsrechte verletzen, wirksam werden.

Und wir als Datenverbreiter sollten die vielen so nicht intendierten und dennoch richtigen und einige der schwierigen Interpretationen der von uns in die Welt gesetzten Informationen alle aushalten und abschätzen lernen.

Was nun aber richtig, schwierig und falsch ist, lässt sich leider nicht pauschal sagen, hängt von der einzelnen Information, ihrem Sender und Empfänger und dem zum jeweiligen Interpretationsmoment zur Verfügung stehendem Zusatzwissen ab.
Heute würde ich sagen: Wo ich gerade rumhänge, geht die Öffentlichkeit nichts an, wenn ich das nicht kundtun will. Mein Mobilfunkprovider braucht die Info aber, um das Handy im Netz zu halten. Aber wehe, der bringt die an die Öffentlichkeit. Nicht sein Job. Sollte er das dennoch tun, will ich ihn dafür drankreigen können. Oder: Die Vorteile des deutschen Lieblingsbeispiel zum Thema “Google Street View” schätze ich persönlich höher als die Privatsphäre einer Hausfassade. Wer aber zur Zeit der Aufnahme durch das Google-Auto in meinen Vorgarten gepinkelt hat, muss nicht alle Welt sehen können. Oder so.

Der Kontrollverlust über die eigenen Daten ist aufgrund der Nichteindeutigkeit von Informationen und ihre Einbindung in die Kommunikationssituation schon immer gegeben, konnte noch nie ganz verhindert werden und wird mit jedem Mehr an Informationsfluss schwieriger.
Dennoch muss er nicht total sein und kann allgemein vernünftigen Regeln (hermeneutisch, semiotisch, kommunkationstheoretisch, such dir was aus) unterworfen werden. Im Konkreten (und damit juristischen) aber sind diese Regeln einer sehr komplexen und stetig fließenden Realität anzupassen.
Diesen Punkt bedenkend muss Datenverbreitung und -verarbeitung geregelt werden, braucht die tendenz zum Kontrollverlusst, tendenziell funktionierende Kontrollmechanismen. Und zwar so, dass es das Individuum so weit schützt wie nötig und ihm so weit nützt und so viel ermöglicht wie möglich. Weil Daten Machtverhältnissen unterworfen sind.

Schon Herbst?


(cc)

Reden wir über ein echtes Wahlkampfthema: Das Wetter.

Mein Bruder hat früher konsequent jede Unterhaltung abgebrochen, wenn sie zum Wetter kam. Wer übers Wetter redet, hat nichts zu sagen, so seine Begründung. Ich hingegen muss übers Wetter reden. Ständig. Ich habe eine sehr emotionale Beziehung zu Luftdruck, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit und Niederschlagsmengen. Für mich wurde das Kachelmann-Format bei den Tagesthemen erfunden.

Ganz besonders heikel für mich ist, wenn das Wetter auf Herbst umschwenkt. Ich will Sommer.

Ich will ewig am See liegen und im See schwimmen, behütet von einem lieblichen Schäfchenwolkenhimmel und bei 23 Grad Celsius Wassertemperatur. Ich will nach dem Baden kein Handtuch benutzen, sondern vom Sommerwind trocken werden. Abends einen leichten Sonnenbrand auf der Stirn. Nachts das Fenster offen haben und dem Sommerregen dabei zuhören, wie er etwas Abkühlung in unsere staubige Straße bringt.

Insofern ist der September eine heikle Zeit. Mit dem nächsten Wetterumschwung ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Dann wird der Regen unangenehm kalt und hartnäckig, dann ist es nicht mehr lang zu den ewig grauen Tagen mit den tief hängenden blickdichten Wolkendecken und den Nebelfeldern. Dann besteht das Leben wieder aus öden Tiefdruckgebieten.

Solange aber die Sonne scheint und das Thermometer am Küchenfenster schon morgens an der 18 Grad-Marke vorbeiklettert und das Deo bereits um 9:00 in der Früh versagt, solange nehme ich jeden Sommersekunde mit, als könnte es die letzte sein. Und nebenher schau ich verstohlen in die Wettervorhersage und hoffe, dass es in 14 Tagen wirklich noch einmal knapp 29 Grad werden und ich die Badehose einpacken kann.
Dieser Selbstbelügungsquatsch von wegen goldener Oktober und die als Gemütlichkeit getarnte Flucht vor der Winterdepression in aufgewärmten Weihnachtsmarktalkohol kommt noch früh genug. Solange gilt: Bleibt mir weg mit Lebkuchen!

Männlich, bärtig, jung sucht.

Auf dem Politcamp09 war es DAS Flurthema. Nun tauchte es immer öfter in meiner Twittertimeline auf. Die deutsche Online-Elite prokrastiniert mit Onlinedating. OKCupid.com, der kostenlose Datingservice2.0 ist der neue heiße Shice.
Wobei, das Portal gibt’s ja schon eine Weile. Nur in Deutschland hat es angeblich erst gerade mal 100.000 User.
Das besondere daran ist übrigens, dass es so anders ist als übliche Datingseiten (achso…?). Das muss ich testen.
Den ganzen Beitrag lesen

Wie war’s eigentlich auf dem Politcamp09, Björn?

Was mspro sagt.
Wobei ich viel weniger mitbekommen habe, da ich ja nur am Freitagabend und am Sonntag da war.

Die Twitterlesung war so. Nächstes Mal im Stehen. Im Sofa fehlt Präsenz und der Augenkontakt zum Publikum.

Am Freitag war ich geschockt über die ganzen Jungparteipolitiker und der verschwinden geringe Anteil an politisch denkenden Menschen ohne Parteibuch. So ging’s mir dann zu unserer Session am Sonntag (siehe mspro oben) anfangs auch, gegen Ende war’s schön zu sehen, dass mensch auch mit Parteibuch kritisch denken kann.
Das gefiel mir auch bei der sonntäglichen Elefantenrunde zum Onlinewahlkampf. Ich habe selten erlebt, dass Politiker ihre Parteigenossen/freunde auch mal implizit für inkompetent erklären. Gut, es war nur auf dem belanglosen Feld der Nutzung von Twitter und Co., aber hey. Immerhin. Ich habe von dieser Elefantenrunde allerdings irgendwie immer noch den Eindruck, dass die auf dem Podium nur so teilmotiviert waren, weil sie genau wissen, dass die Netzbewohner eine vernachlässigbare Größe im Kampf um Wählerstimmen sind. Zu wenige, zu jung, zu irrelevant. Hat zwar keiner gesagt, ist aber wohl so, wenn wir mal so Daten wie Netznutzung und Bevölkerungsstruktur heranziehen.
Schön erfrischende Session zum doofen Thema Blogger und Journalisten von Dirk Baranek und Don Dahlmann. Danke Jungs!

Bei den Gesprächen abseits der Sessions mal wieder kapiert, um was es wirklich geht im Netz. Branding, SEO, Kohle. Alles andere ist süß und naiv. Ich auch.
Bei den Gesprächen abseits der Sessions doch die Systemfrage gestellt. Immerhin haben wir mal darüber geredet.
Eine tolle Nacht gehabt.

Partycrashing

Oder: Die Partei und das Netz, warum die Parteien es nicht in die neue Welt schaffen werden.
Während sich die Parteien fragen, wo denn in diesem Internet ihre zukünftige Klientel auf Ihre Botschaft wartet, wenden sich immer mehr junge Leute von der aktiven Politik ab. Gerade unter netzaffinen Menschen scheint die Motivation sich in Parteistrukturen einzuordnen, besondern niedrig zu sein. Warum die Partei - als eine spezielle Organisationsform von Demokratie - dieser anderen des Internets grundlegend widerpricht, wollen Micha und ich gerne am Sonntag in einem Workshop auf dem Politcamp09 thesenhaft bearbeiten.
Ich habe zu diesem Thema heute einen Text bei Spreeblick veröffentlicht.

(Ich verspreche hiermit, nicht JEDEN meiner Spreeblick-Artikel hier zu bewerben und auch Graubrotexklusivcontent hier zu liefern)

Nein

Warum ich heute beim Volksentscheid in Berlin mit Nein stimmen werde, habe ich bei Spreeblick argumentativ unterfüttert.

Ich schreibe dort jetzt übrigens hin und wieder was. Und das freut mich. Sehr. Ich wohne auch viel näher an der Spree als die neuen Kollegen.

Produktionsmittel vergesellschaften

Achtung, dieser Text handelt von Twitter (Beispiel). Es ist also ein Web2.0-Insider-Text. Über Twitter, wie gesagt. Nur zur Vorwarnung.

Die Verstaatlichung von Privateigentum hat einen ganz großen Haken. Den nämlich, dass der Staat zwar theoretisch aus seinen Bürgern hervorgeht, praktisch aber meist durch die Regierung repräsentiert wird, die die Bürger auch in Demokratien eher wie Untertanen behandelt. Verstaatlichung bedeutet also meist, dass ein paar wenige, die meist von der Materie des jeweils Verstaatlichten keine Ahnung haben für die Bürger, mithin die Gesellschaft die Sache übernehmen. Und “für” meint nicht “zum Guten”, sondern “anstelle von”. Verstaatlichung ist also platt gesagt scheiße, wenn der Staat nicht in meinem Sinne handelt. Und wann tut er das schon.
In diesem Sinne unterscheidet sich dann auch Vergesellschaftung von Verstaatlichung. Wenn Privateigentum vergesellschaftet wird, gehört es wirklich allen. Und alle müssen sich dann auch drum kümmern. So einfach im Prinzip. Auch wenn es im Detail viele Fragen zu klären gibt (wie geht das, dass ALLE sich kümmern?), ich mag Vergesellschaftung sehr, wenn sie sich auf Dinge bezieht, die aus welchen Gründen auch immer ihrem Wesen nach Allgemeingut sind oder diesem ähneln.

Und wo mal wieder alle fragen, wann unser aller Lieblingsspielzeug des schnatternden Interwebs, Twitter, von wem (Google?) gekauft wird, weil das Spielzeug kostet ja Geld und ewig wird Twitter nicht irgendwelche Kohle verbrennen dürfen, kam mir die Idee:

Lasst uns Twitter vergesellschaften!

Warum soll so ein geiles Kommunikationswerkzeug in die Hände eines Konzerns oder von Banken geraten? Warum kaufen WIR das Ding nicht? Wir Twitterati?
Weil Träumer wie ich zu identi.ca gehören? Weil WIR uns das gar nicht leisten können?

Können wir nicht? Selbst wenn wir nicht revolutionär enteignen, sondern Twitter gemeinsam kauften (am liebsten zu einem Betrag der mit 140 losgeht), die paar hundert Euro, die wir Millionen Nutzer jeweils einzeln hinlegen müssten, entsprächen über die Zeit gerechnet, jedem üblichen Pro-Account bei anderen Services. Das ginge schon irgendwie, würden alle Seiten wollen.
Überhaupt: Wir Twitterati sind die Arbeiter der Firma und ihre Kunden. Wir sind im Plapper-Business wie eine landwirtschaftliche Kommune oder eine Genossenschaft. Wie Obstwiesenbesitzer, die im Herbst ihr Obst in die gemeinsame Kelter bringen, um dort gemeinsam Saft herzustellen, den dann jeder wieder mit nach Hause nimmt. Wir tragen unsere 140 Zeichen zu Twitter, dort werden sie mit den 140 Zeichen anderer vermengt und wir nehmen einen neuen Text mit zu uns.
Mit dem blöden Unterschied zu einer echten Genossenschaft, dass uns der Laden nicht gehört.
Das könnten wir ändern. Aber wahrscheinlich müssten wir rasend schnell sein.

Nur so ein Gedanke.
Von wegen Demokratisierung des Netzes und so.
Und wenn das mit Twitter geklappt hat, machen wir mit den anderen Social Networks weiter. Bis das Web uns Nutzern gehört. Schöne neue Welt.

unfassbar?

als nun wegen tim k. wieder alle ganz entsetzt waren über die schlimmen zustände an den schulen und weil da so viel gemobbt wird und so viel gewalt herrscht, da hat es natürlich keinen interessiert, dass das statistisch blödsinn ist,weil die zahlen für derlei dinge rückläufig sind.
die erwachsenen haben in den vergangenen tagen im fernsehen und in der zeitung mal wieder gern so getan, als hätten sie in ihrer schulzeit so etwas nicht erlebt.

ich bin wohl auch ein erwachsener. nur: zu meiner schulzeit gab es mobbing. dauernd. täglich. war ganz normal, damals in den 90ern. wir „intelektuellen“ aus der Theater-AG haben uns offen über die loser mit den viererzeugnissen lustig gemacht. insofern die muckis hatten, haben wir verkopften entsprechend beim sport gelitten. in der grundschule war ich eher schüchtern. einige meiner klassenkameraden, die bescheid wussten über die strengen regeln meiner mutter bezüglich heimkehruhrzeiten, machten sich einen spaß daraus, mich nach gemeinsam verbrachten nachmittagen nicht gehen zu lassen. in der unterstufe auf dem gymnasium hatten wir dann einen klassendepp, den wir aus spaß zum klassensprecher gewählt haben, um ihn dann bei der amtsausübung zu verhöhnen. nach der schule haben wir ihm sein fahrrad kaputt gemacht, den ranzen weggenommen und so fort. den klassendepp der mittelstufe haben wir nie auf unsere partys eingeladen und das dadurch demonstriert, dass an den haustüren der jeweiligen feierlocation “wir müssen draussen bleiben”-schilder mit seinem photo hingen. andererseits haben wir ihn überredet, dass er für uns partys gibt. und dann haben wir die stereoanlage seines vaters unter wasser gestzt. weil es ging.

und auf die fresse gab’s auch. nicht täglich, aber regelmäßig. ich zum beispiel wurde von der griechengang aus dem nachbarort gepiesakt, weil ich für deren geschmack eine zu große fresse hatte. ich habe mich aufgrund massiver unsportlichkeit selten geprügelt, es dabei aber einmal doch geschafft, einem mitschüler so eine zu zimmern, dass er grenzwertig lange keine luft mehr bekam.
aber das ging härter: es gab eine skinheadgang bei uns, die skater blutig geschlagen haben, wenn man sich traf. einem haben sie das gebiss entfernt durch auflegen des kopfes auf den bordstein und folgendes nachtreten. die söhne von einem unserer lehrer haben katzen aus der nachbarschaft angezündet. springmesser hatten wir mit 14, 15 fast alle. wurfsterne und schlagringe waren etwas weniger verbreitet, aber da.
apropos lehrer. natürlich gab es engagierte lehrer. und graue mäuse. aber auch opfer. meine klassenlehrerin in der dritten klasse musste uns mehrmals mit heulkrampf verlassen, weil wir sie fertig gemacht haben. die siebtklässer damals hatten die gleichen ziele wie wir, nur andere mittel. sie haben sabotageakte an ihrem auto vollführt. doch ein nicht ganz kleiner teil unserer lehrer waren arschlöcher, zyniker und sadisten. du wurden von sogenannten pädagogen schüler an den ohren gezogen, in den hintern getreten, öffentlich verhöhnt, in mülleimer an der klassentür gesetzt, von der schule gemobbt.
ich berichte hier passend zu tims amoklauf anekdoten aus einer jugend im wohlhabenden stuttgarter umland…

das ist nicht cool oder witzig. das ist ganz große scheiße. scheiße namens schule. und ich wäre der letzte, der sich beschweren dürfte. ich hatte immer top-noten, durfte mich in den verrücktesten ags verwirklichen, galt allermeist als vorzeigeschüler (streber) mit sozialem engagement und hatte überdurchschnittlich oft die engagierten lehrer unserer schule im unterricht. dennoch habe ich als langwierigstes erbe der schulzeit neben dem tollen abizeugnis einen alptraum mitgenommen. vor prüfungssituationen träume ich noch jahre nach dem letzten schultag, dass ich bei einer englischklassenarbeit versage. und wenn das schon mir so geht…
da auch viele schulgeschichten meiner eltern und deren geschwister von mobbing und keilerei berichten, habe ich so eine idee:
schule ist psychoterror für fast alle. nicht nur rütli in neukölln. auch gymnasium in der schwäbsichen kleinstadt. sicher ein anderer terror, aber terror. schule als terror in einer lebensphase in der sich alles vom kopf auf die füße stellt und umgekehrt, in der pubertären zeit der verunsicherungen und des sich selbst suchens ist potentierter psychoterror. schule, so wie sie ist, geht eigentlich gar nicht.
aber solange die erwachsenen so tun, als hätten sie keine ahnung, was in der schule abgeht, wenn sie also verdrängen, wie es bei ihnen war und deshalb ignorieren, was ihre kinder durchmachen, solange wird sich da nichts ändern. und solange fördern erwachsene die kluft zwischen sich und den kids. wir brauchen andere schulen. aber solange es keine anderen erwachsenen gibt, werden wir sie noch nicht mal denken können.

das unverstandensein, dass aus der ignoranz der elterngeneration herrührt, ist zu einem gewissen grad vielleicht sogar notwendig für die pubertät. aber in der geballten form des “ich wusste doch gar nicht, wie schlimm das ist” ist sie nährboden für gefährliche jugendliche parallelwelten. und auch die parallelwelten der kids wurden wie gerade frisch entdeckte planeten in den medien präsentiert in den vergangenen tagen. da gibt es ja jede menge amokläuferfans, wo doch die tat so unfassbar ist.
ist sie das?
die tat selbst kann ich auch nicht nachvollziehen. die phantasie und die ihr verwandte verehrung des täters aber schon (zumindest solange ich an den täter und nicht an seine opfer denke). von den erwachsenen offensichtlich unverstanden (siehe u.a. oben) seinen platz finden in einer gesellschaft, deren regeln man noch nicht versteht, die hart sind und oft ungerecht erscheinen oder sind, das kann schon überfordern und einem ein ohnmachtsgefühl bereiten.
ich reagiere auf überforderung und ohnmachtsgefühle bis heute mit gewaltphantasien. liegt wohl an meiner jähzornigen ader. am dienstag beispielsweise qualmten so ein paar dumpfbacken die s-bahn voll, pöbelten und rotzen rum. für vernunftargumente gegen ihr handeln waren sie zu viele, zu aufgekratzt und zu besoffen. sowas kotzt mich an. so jemand will ich in diesem moment heimzahlen, dass er mich mit seinem verhalten quält. dann malte ich mir aus, wie ich ihnen mit den stiefeln ins gesicht springe. mit all seinen folgen. ich kann oft nicht anders in solchen momenten.
solche momente gibt es jede menge inder pubertät. jugendliche werden ständig überfordert, gereizt, in ihren bedürfnissen ignoriert usw. weil keine zeit für sie ist, weil sie in ihrer adoleszenten explosivität nicht in normen passen, weil sie sich selbst und sich gegenseitig in die quere kommen, … und in der überforderung neigt man dann zur pauschalisierung. ich gegen die gesellschaft. und weil ich mich nicht traue, feier ich den vermeindlich mutigen, in den sich dank seiner selbsttötung auch alles hineinprojizieren kann. der wehrt sich ja nicht gegen die vereinnahmung durch andere gefühlte außenseiter.
ich habe allerdings ausreichend erziehung, vernunftbegabung, verantwortung gegenüber frau und kind, also irgendwie reife, dass ich meine phantasien und den sie begründenden ärger aushalte und nicht in handlung umwandle. ich bin aber auch keine 17 mehr. und mit 17 kam ich nicht an schusswaffen. wobei ich für mich glaube, dass ich auch damals schon zusätzlich zu harmoniesüchtig war, als das ich je hätte so durchticken könnn. unterm strich war und bin ich wohl “gefestigt” genug, um nicht amokzulaufen.
und so geht es der ganz großen mehrheit. aber ist die ganz große mehrheit auch gedanklich wirklich so weit weg von tim k., wie es den anschein haben kann zur zeit? seid ihr alle da draußen so friedliche menschen? hattet ihr in eurer jugend nie identitätskrisen und das diffuse gefühl, ihr steht irgendwie gegen die eltern, lehrer, masse, gesellschaft, welt?
ehrlich: ich hoffe ihr kennt diese emotionen. denn wer ausgrenzung, überforderung und ohnmacht plus konstruktive gegenstrategien kennt, kann hoffentlich denen ein vorbild sein, die noch nach gegenstrategien suchen.

nachtrag (15.03. 23:53):
drei beiträge, die (so lese ich sie zumindest) von ähnlichen dingen handeln und dabei wichtige differenzierungen oder ergänzungen bieten:
http://www.julieparadise.de/2009/03/15/madchenkoma/
http://amidelanuit.wordpress.com/2009/03/14/und-jetzt/ (via)
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/03/15/die-verantwortung-der-presse/

ich habe vor drei stunden mal versucht, zusammenfassend auf die weit über hundert reaktionen in den kommentaren und auf den verschiedensten blogs zu reagieren: hier

ansonsten glaube ich, dass es “beste” oder “wichtigste” texte immer nur für jede(n) einzelnen selbst geben kann.

Kind und Karriere

Meine Idee, Kind und Karriere zu vereinen, löst sich gerade in Luft auf.

Die Idee war, kurz gesagt, beide Eltern arbeiten Teilzeit, damit beide viel Zeit fürs Kind aber auch Beziehung sowie Haushalt haben und dennoch reicht das Geld für ein kleines feines Leben und die Jobs stellen eine Herausforderung dar.

Die Kohle, die sich mit Jobs verdienen lässt, die es als Teilzeitstellen gibt, reicht zwar knapp für ein kleines Leben, aber fein können wir streichen. Eigentlich braucht familie heute in der BRD mehr als ein volles Gehalt fürs dauerhaft gute Leben. Also reichen auch rein rechnerisch zwei halbe Gehälter kaum aus, um eine Familie auf mindestens mittlerem Niveau dauerhaft zu ernähren.
Abgesehen von der wirtschaftskriseligen Frage, ob mensch überhaupt nen Job bekommt, bedeutet das, mindestens ein Elternteil hat keine rechte Zeit für Kind, Beziehung und so. Vielleicht ist das nur meine persönliche Sicht, weil ich neben dem Job noch so hohe Ansprüche an mein Familienleben inklusive ausufernder Sozialkontakte und Hobbies habe. Sicher ist das so ne Art Luxusproblem für viele. Vielleicht ist das Leben aber auch mehr als Maloche und Feierabend abgeschafft mit der Bierpulle vor der Glotze und das Kind nur am Sonntagmittag wach erleben.
Sicher, Kinder werden größer, sie gehen in die Kita und zur Schule, dann sind sie eh viel außer Haus, da können die Eltern dann auch getrost Geldverdienen in dieser Zeit. Aber das sind eben keine 50 bis 60 Stunden die Woche. Und die sollten schon für’s täglich Brot aufgewendet werden, damit es auch mal Torte gibt. Das ist kein Problem für viele jungdynamische Kinderlose. Aber mit dem Nachwuchs hat mensch bei solcher Arbeitszeit nur perifer Kontakt. Dafür hab ich den nicht gezeugt. Also keine Torte. Dafür Kompromisse. Und vielleicht ein anderes Bier.
Wie das Land, so die Familienpolitik. Entweder Kind oder Karriere. Der fremde Mann, der Dir Deinen Snowboardurlaub finanziert, ist übrigens dein Vater, mein Kind. Und die Frau, die sich so nett um Dich kümmert, ist die Erzieherin aus der Kita, Mama ist auf Dienstreise.

Versteht jemand, was ich problematisch finde? Ich hätte in den kommenden 20 Jahren neben dem Job gern noch ernsthaft Zeit für ein Privatleben mit Kind und will dennoch nicht nur trocken Brot essen. Nicht, dass es gerade so wäre, aber die Tendenz zeigt eher in diese als in die andere Richtung. Entweder Zeit fürs Kind oder Karriere und damit mehr Moneten. Man kann wohl nicht alles haben. Von wegen her mit dem schönen Leben. Oder?
Ich bin ein wenig müde. Als ich um 20:00 Uhr von der Arbeit heimkam, habe ich mich noch ein Stündchen ums Kind gekümmert, dann Ämterkram erledigt und ein paar Telefonate und Mails freundschaftlicher Natur erledigt. Ich könnte jetzt schlafen, aber wollte das mal ansprechen. Aber vielleicht bin ich zu müde, um mich verständlich zu machen. Wie wäre das erst, wenn ich eine volle Stelle hätte? Ach so ja, der Teil mit dem Kind und so Hobbies fielen dann weg. Ach nö.

Bekenntniskrampf

Wir müssen diesem frommen Wahnsinn Einhalt gebieten! Pro Reli darf keinen Erfolg haben in Berlin. Die Wiedereinführung des konfessionsgebundenen Religionsunterricht in Berlin wäre ein fataler Schritt rückwärts ins unverständige Nebeneinander der Menschen.
Es war und ist völlig richtig, dass Kinder in der Schule über Religion, Glaube, Ethik, Moral unterrichtet werden. Und natürlich sahen die Lehrpläne des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen schon bisher vor, die Kinder über anderen Glauben zu unterrichten. Aber: was haben wir davon, die Kinder nach Religion und Konfession getrennt zu unterrichten? Ich sage: Nichts. Unabhängig davon, dass der Lehrplan des Berliner Ethikunterrichts wahrscheinlich nicht optimal ist und kritische Begutachtung sowie gegebenenfalls Verbesserungen passieren müssen. Die meisten mir wichtigen Argumente direkt zum Berliner Glaubenspolitikum finden sich bereits bei Miss Sophie hier, hier und hier sowie in den dazugehörigen Kommentaren und Verlinkungen. Weiterführend unbedingt interessant ist Pro Ethik. Bei mir nur ein paar zusätzliche Punkte:

Pro Reli argumentiert unter anderem damit, dass Pflichtethik für alle Bevormundung durch den Staat ist, und wir uns das nicht gefallen lassen sollen. Das ist populistischer Schwachsinn. Denn: Schule ist immer Bevormundung durch den Staat. Und es ist die objektivere und kontrollierbarere Bevormundung als die durch Eltern oder Geistliche. Deshalb gibt es ja staatliche Kontrolle im Bildungswesen. Das ist guter Teil demokratisch organisierter staatlicher Fürsorge. Und überhaupt: Die großen Kirchen in Deutschland nutzen den Vormund Staat ja sehr sehr gerne, wenn es darum geht, für sie die Kohle einzutreiben. Stichwort: Kirchensteuer.

Religionsunterricht nach Glaubensbekenntnis an der Schule gibt es doch nur für die, die eigene Klassengrößen zusammenbekommen und deren Religionsgemeinschaften hierarchisch genug organsisiert sind, dass sie sich auf einen Religionslehrplan mit dem Staat einigen können. Also realistischerweise für Katholiken und die landeskrichlich organisierten Protestanten. Was machen derweil Moslems (oder zumindest die vielen Unterströmungen), Juden, Buddhisten, Hindus, christliche Freikrichler? Für die bleibt der Ethikzwang? Oder dürfen die dann fernab von staatlicher Kontrolle in Hinterzimmern Religionsunterricht während der offiziellen Schulzeit erhalten? DIe Folgen möchte ich mir bei manch einer Ausrichtung des jeweiligen Glaubens besser nicht ausmalen.

Von wegen staatlicher Kontrolle des Religionsunterrichts. Solange die Kirchen insofern auf die Lehrerauswahl Einfluss nehmen können, dass sie deren Ausbilder, Theologen an staatlichen Hochschulen, bei Mißliebigkeit absägen oder am liebsten Religionslehrer einstellen lassen, die ein kirchentreues Leben (keine wilden Ehen, keine Mischehen usw.) führen, solange weiß ich nicht, wer wen kontrolliert.

Sowieso: Solange Religionsgemeinschaften Grundbekenntnisse unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft nicht anerkennen und beispielsweise Homosexualität verteufeln, Frauenrechte in Frage stellen oder gar Holocaustleugner rehabilitieren oder für sich sprechen lassen,solange haben die meiner Meinung nach vielleicht mit staatlicher Überwachung zu rechnen und nicht mit Mitsprache am staatlichen Erziehungssystem.

Zum Schluss noch was zum Thema Redlichkeit: Der Herr Kardinal hat seine katholischen Schäfchen hier in der preussischen Diaspora per Brief aufgefordert, Pro Reli zu unterstützen. Edles Papier, Farbdruck mit Bildsche. Das kostet Geld. Sicher ein paar hundertausend Euro. Vor einigen Jahren noch war das katholische Erzbistum Berlin aber so klamm, dass sich der Herr Kardinal, ebenfalls per Brief, nicht zu schade war, bei seinen Schäfchen um extra Opfer abseits des Klingelbeutels zu betteln. Pleite, aber wenn wir Kulturkampf spielen können, die Kohle rausblasen für Hochglanzpropaganda. Da stimmem die Verhältnisse nicht.

Lasst die Kinder wenigstens in dieser Stadt gemeinsam und übereinander lernen. Weltanschauliche Trennungen gehören überwunden, nicht zementiert.

Pages: 1 2 Next