unfassbar?

als nun wegen tim k. wieder alle ganz entsetzt waren über die schlimmen zustände an den schulen und weil da so viel gemobbt wird und so viel gewalt herrscht, da hat es natürlich keinen interessiert, dass das statistisch blödsinn ist,weil die zahlen für derlei dinge rückläufig sind.
die erwachsenen haben in den vergangenen tagen im fernsehen und in der zeitung mal wieder gern so getan, als hätten sie in ihrer schulzeit so etwas nicht erlebt.

ich bin wohl auch ein erwachsener. nur: zu meiner schulzeit gab es mobbing. dauernd. täglich. war ganz normal, damals in den 90ern. wir „intelektuellen“ aus der Theater-AG haben uns offen über die loser mit den viererzeugnissen lustig gemacht. insofern die muckis hatten, haben wir verkopften entsprechend beim sport gelitten. in der grundschule war ich eher schüchtern. einige meiner klassenkameraden, die bescheid wussten über die strengen regeln meiner mutter bezüglich heimkehruhrzeiten, machten sich einen spaß daraus, mich nach gemeinsam verbrachten nachmittagen nicht gehen zu lassen. in der unterstufe auf dem gymnasium hatten wir dann einen klassendepp, den wir aus spaß zum klassensprecher gewählt haben, um ihn dann bei der amtsausübung zu verhöhnen. nach der schule haben wir ihm sein fahrrad kaputt gemacht, den ranzen weggenommen und so fort. den klassendepp der mittelstufe haben wir nie auf unsere partys eingeladen und das dadurch demonstriert, dass an den haustüren der jeweiligen feierlocation “wir müssen draussen bleiben”-schilder mit seinem photo hingen. andererseits haben wir ihn überredet, dass er für uns partys gibt. und dann haben wir die stereoanlage seines vaters unter wasser gestzt. weil es ging.

und auf die fresse gab’s auch. nicht täglich, aber regelmäßig. ich zum beispiel wurde von der griechengang aus dem nachbarort gepiesakt, weil ich für deren geschmack eine zu große fresse hatte. ich habe mich aufgrund massiver unsportlichkeit selten geprügelt, es dabei aber einmal doch geschafft, einem mitschüler so eine zu zimmern, dass er grenzwertig lange keine luft mehr bekam.
aber das ging härter: es gab eine skinheadgang bei uns, die skater blutig geschlagen haben, wenn man sich traf. einem haben sie das gebiss entfernt durch auflegen des kopfes auf den bordstein und folgendes nachtreten. die söhne von einem unserer lehrer haben katzen aus der nachbarschaft angezündet. springmesser hatten wir mit 14, 15 fast alle. wurfsterne und schlagringe waren etwas weniger verbreitet, aber da.
apropos lehrer. natürlich gab es engagierte lehrer. und graue mäuse. aber auch opfer. meine klassenlehrerin in der dritten klasse musste uns mehrmals mit heulkrampf verlassen, weil wir sie fertig gemacht haben. die siebtklässer damals hatten die gleichen ziele wie wir, nur andere mittel. sie haben sabotageakte an ihrem auto vollführt. doch ein nicht ganz kleiner teil unserer lehrer waren arschlöcher, zyniker und sadisten. du wurden von sogenannten pädagogen schüler an den ohren gezogen, in den hintern getreten, öffentlich verhöhnt, in mülleimer an der klassentür gesetzt, von der schule gemobbt.
ich berichte hier passend zu tims amoklauf anekdoten aus einer jugend im wohlhabenden stuttgarter umland…

das ist nicht cool oder witzig. das ist ganz große scheiße. scheiße namens schule. und ich wäre der letzte, der sich beschweren dürfte. ich hatte immer top-noten, durfte mich in den verrücktesten ags verwirklichen, galt allermeist als vorzeigeschüler (streber) mit sozialem engagement und hatte überdurchschnittlich oft die engagierten lehrer unserer schule im unterricht. dennoch habe ich als langwierigstes erbe der schulzeit neben dem tollen abizeugnis einen alptraum mitgenommen. vor prüfungssituationen träume ich noch jahre nach dem letzten schultag, dass ich bei einer englischklassenarbeit versage. und wenn das schon mir so geht…
da auch viele schulgeschichten meiner eltern und deren geschwister von mobbing und keilerei berichten, habe ich so eine idee:
schule ist psychoterror für fast alle. nicht nur rütli in neukölln. auch gymnasium in der schwäbsichen kleinstadt. sicher ein anderer terror, aber terror. schule als terror in einer lebensphase in der sich alles vom kopf auf die füße stellt und umgekehrt, in der pubertären zeit der verunsicherungen und des sich selbst suchens ist potentierter psychoterror. schule, so wie sie ist, geht eigentlich gar nicht.
aber solange die erwachsenen so tun, als hätten sie keine ahnung, was in der schule abgeht, wenn sie also verdrängen, wie es bei ihnen war und deshalb ignorieren, was ihre kinder durchmachen, solange wird sich da nichts ändern. und solange fördern erwachsene die kluft zwischen sich und den kids. wir brauchen andere schulen. aber solange es keine anderen erwachsenen gibt, werden wir sie noch nicht mal denken können.

das unverstandensein, dass aus der ignoranz der elterngeneration herrührt, ist zu einem gewissen grad vielleicht sogar notwendig für die pubertät. aber in der geballten form des “ich wusste doch gar nicht, wie schlimm das ist” ist sie nährboden für gefährliche jugendliche parallelwelten. und auch die parallelwelten der kids wurden wie gerade frisch entdeckte planeten in den medien präsentiert in den vergangenen tagen. da gibt es ja jede menge amokläuferfans, wo doch die tat so unfassbar ist.
ist sie das?
die tat selbst kann ich auch nicht nachvollziehen. die phantasie und die ihr verwandte verehrung des täters aber schon (zumindest solange ich an den täter und nicht an seine opfer denke). von den erwachsenen offensichtlich unverstanden (siehe u.a. oben) seinen platz finden in einer gesellschaft, deren regeln man noch nicht versteht, die hart sind und oft ungerecht erscheinen oder sind, das kann schon überfordern und einem ein ohnmachtsgefühl bereiten.
ich reagiere auf überforderung und ohnmachtsgefühle bis heute mit gewaltphantasien. liegt wohl an meiner jähzornigen ader. am dienstag beispielsweise qualmten so ein paar dumpfbacken die s-bahn voll, pöbelten und rotzen rum. für vernunftargumente gegen ihr handeln waren sie zu viele, zu aufgekratzt und zu besoffen. sowas kotzt mich an. so jemand will ich in diesem moment heimzahlen, dass er mich mit seinem verhalten quält. dann malte ich mir aus, wie ich ihnen mit den stiefeln ins gesicht springe. mit all seinen folgen. ich kann oft nicht anders in solchen momenten.
solche momente gibt es jede menge inder pubertät. jugendliche werden ständig überfordert, gereizt, in ihren bedürfnissen ignoriert usw. weil keine zeit für sie ist, weil sie in ihrer adoleszenten explosivität nicht in normen passen, weil sie sich selbst und sich gegenseitig in die quere kommen, … und in der überforderung neigt man dann zur pauschalisierung. ich gegen die gesellschaft. und weil ich mich nicht traue, feier ich den vermeindlich mutigen, in den sich dank seiner selbsttötung auch alles hineinprojizieren kann. der wehrt sich ja nicht gegen die vereinnahmung durch andere gefühlte außenseiter.
ich habe allerdings ausreichend erziehung, vernunftbegabung, verantwortung gegenüber frau und kind, also irgendwie reife, dass ich meine phantasien und den sie begründenden ärger aushalte und nicht in handlung umwandle. ich bin aber auch keine 17 mehr. und mit 17 kam ich nicht an schusswaffen. wobei ich für mich glaube, dass ich auch damals schon zusätzlich zu harmoniesüchtig war, als das ich je hätte so durchticken könnn. unterm strich war und bin ich wohl “gefestigt” genug, um nicht amokzulaufen.
und so geht es der ganz großen mehrheit. aber ist die ganz große mehrheit auch gedanklich wirklich so weit weg von tim k., wie es den anschein haben kann zur zeit? seid ihr alle da draußen so friedliche menschen? hattet ihr in eurer jugend nie identitätskrisen und das diffuse gefühl, ihr steht irgendwie gegen die eltern, lehrer, masse, gesellschaft, welt?
ehrlich: ich hoffe ihr kennt diese emotionen. denn wer ausgrenzung, überforderung und ohnmacht plus konstruktive gegenstrategien kennt, kann hoffentlich denen ein vorbild sein, die noch nach gegenstrategien suchen.

nachtrag (15.03. 23:53):
drei beiträge, die (so lese ich sie zumindest) von ähnlichen dingen handeln und dabei wichtige differenzierungen oder ergänzungen bieten:
http://www.julieparadise.de/2009/03/15/madchenkoma/
http://amidelanuit.wordpress.com/2009/03/14/und-jetzt/ (via)
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/03/15/die-verantwortung-der-presse/

ich habe vor drei stunden mal versucht, zusammenfassend auf die weit über hundert reaktionen in den kommentaren und auf den verschiedensten blogs zu reagieren: hier

ansonsten glaube ich, dass es “beste” oder “wichtigste” texte immer nur für jede(n) einzelnen selbst geben kann.

Kind und Karriere

Meine Idee, Kind und Karriere zu vereinen, löst sich gerade in Luft auf.

Die Idee war, kurz gesagt, beide Eltern arbeiten Teilzeit, damit beide viel Zeit fürs Kind aber auch Beziehung sowie Haushalt haben und dennoch reicht das Geld für ein kleines feines Leben und die Jobs stellen eine Herausforderung dar.

Die Kohle, die sich mit Jobs verdienen lässt, die es als Teilzeitstellen gibt, reicht zwar knapp für ein kleines Leben, aber fein können wir streichen. Eigentlich braucht familie heute in der BRD mehr als ein volles Gehalt fürs dauerhaft gute Leben. Also reichen auch rein rechnerisch zwei halbe Gehälter kaum aus, um eine Familie auf mindestens mittlerem Niveau dauerhaft zu ernähren.
Abgesehen von der wirtschaftskriseligen Frage, ob mensch überhaupt nen Job bekommt, bedeutet das, mindestens ein Elternteil hat keine rechte Zeit für Kind, Beziehung und so. Vielleicht ist das nur meine persönliche Sicht, weil ich neben dem Job noch so hohe Ansprüche an mein Familienleben inklusive ausufernder Sozialkontakte und Hobbies habe. Sicher ist das so ne Art Luxusproblem für viele. Vielleicht ist das Leben aber auch mehr als Maloche und Feierabend abgeschafft mit der Bierpulle vor der Glotze und das Kind nur am Sonntagmittag wach erleben.
Sicher, Kinder werden größer, sie gehen in die Kita und zur Schule, dann sind sie eh viel außer Haus, da können die Eltern dann auch getrost Geldverdienen in dieser Zeit. Aber das sind eben keine 50 bis 60 Stunden die Woche. Und die sollten schon für’s täglich Brot aufgewendet werden, damit es auch mal Torte gibt. Das ist kein Problem für viele jungdynamische Kinderlose. Aber mit dem Nachwuchs hat mensch bei solcher Arbeitszeit nur perifer Kontakt. Dafür hab ich den nicht gezeugt. Also keine Torte. Dafür Kompromisse. Und vielleicht ein anderes Bier.
Wie das Land, so die Familienpolitik. Entweder Kind oder Karriere. Der fremde Mann, der Dir Deinen Snowboardurlaub finanziert, ist übrigens dein Vater, mein Kind. Und die Frau, die sich so nett um Dich kümmert, ist die Erzieherin aus der Kita, Mama ist auf Dienstreise.

Versteht jemand, was ich problematisch finde? Ich hätte in den kommenden 20 Jahren neben dem Job gern noch ernsthaft Zeit für ein Privatleben mit Kind und will dennoch nicht nur trocken Brot essen. Nicht, dass es gerade so wäre, aber die Tendenz zeigt eher in diese als in die andere Richtung. Entweder Zeit fürs Kind oder Karriere und damit mehr Moneten. Man kann wohl nicht alles haben. Von wegen her mit dem schönen Leben. Oder?
Ich bin ein wenig müde. Als ich um 20:00 Uhr von der Arbeit heimkam, habe ich mich noch ein Stündchen ums Kind gekümmert, dann Ämterkram erledigt und ein paar Telefonate und Mails freundschaftlicher Natur erledigt. Ich könnte jetzt schlafen, aber wollte das mal ansprechen. Aber vielleicht bin ich zu müde, um mich verständlich zu machen. Wie wäre das erst, wenn ich eine volle Stelle hätte? Ach so ja, der Teil mit dem Kind und so Hobbies fielen dann weg. Ach nö.

Bekenntniskrampf

Wir müssen diesem frommen Wahnsinn Einhalt gebieten! Pro Reli darf keinen Erfolg haben in Berlin. Die Wiedereinführung des konfessionsgebundenen Religionsunterricht in Berlin wäre ein fataler Schritt rückwärts ins unverständige Nebeneinander der Menschen.
Es war und ist völlig richtig, dass Kinder in der Schule über Religion, Glaube, Ethik, Moral unterrichtet werden. Und natürlich sahen die Lehrpläne des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen schon bisher vor, die Kinder über anderen Glauben zu unterrichten. Aber: was haben wir davon, die Kinder nach Religion und Konfession getrennt zu unterrichten? Ich sage: Nichts. Unabhängig davon, dass der Lehrplan des Berliner Ethikunterrichts wahrscheinlich nicht optimal ist und kritische Begutachtung sowie gegebenenfalls Verbesserungen passieren müssen. Die meisten mir wichtigen Argumente direkt zum Berliner Glaubenspolitikum finden sich bereits bei Miss Sophie hier, hier und hier sowie in den dazugehörigen Kommentaren und Verlinkungen. Weiterführend unbedingt interessant ist Pro Ethik. Bei mir nur ein paar zusätzliche Punkte:

Pro Reli argumentiert unter anderem damit, dass Pflichtethik für alle Bevormundung durch den Staat ist, und wir uns das nicht gefallen lassen sollen. Das ist populistischer Schwachsinn. Denn: Schule ist immer Bevormundung durch den Staat. Und es ist die objektivere und kontrollierbarere Bevormundung als die durch Eltern oder Geistliche. Deshalb gibt es ja staatliche Kontrolle im Bildungswesen. Das ist guter Teil demokratisch organisierter staatlicher Fürsorge. Und überhaupt: Die großen Kirchen in Deutschland nutzen den Vormund Staat ja sehr sehr gerne, wenn es darum geht, für sie die Kohle einzutreiben. Stichwort: Kirchensteuer.

Religionsunterricht nach Glaubensbekenntnis an der Schule gibt es doch nur für die, die eigene Klassengrößen zusammenbekommen und deren Religionsgemeinschaften hierarchisch genug organsisiert sind, dass sie sich auf einen Religionslehrplan mit dem Staat einigen können. Also realistischerweise für Katholiken und die landeskrichlich organisierten Protestanten. Was machen derweil Moslems (oder zumindest die vielen Unterströmungen), Juden, Buddhisten, Hindus, christliche Freikrichler? Für die bleibt der Ethikzwang? Oder dürfen die dann fernab von staatlicher Kontrolle in Hinterzimmern Religionsunterricht während der offiziellen Schulzeit erhalten? DIe Folgen möchte ich mir bei manch einer Ausrichtung des jeweiligen Glaubens besser nicht ausmalen.

Von wegen staatlicher Kontrolle des Religionsunterrichts. Solange die Kirchen insofern auf die Lehrerauswahl Einfluss nehmen können, dass sie deren Ausbilder, Theologen an staatlichen Hochschulen, bei Mißliebigkeit absägen oder am liebsten Religionslehrer einstellen lassen, die ein kirchentreues Leben (keine wilden Ehen, keine Mischehen usw.) führen, solange weiß ich nicht, wer wen kontrolliert.

Sowieso: Solange Religionsgemeinschaften Grundbekenntnisse unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft nicht anerkennen und beispielsweise Homosexualität verteufeln, Frauenrechte in Frage stellen oder gar Holocaustleugner rehabilitieren oder für sich sprechen lassen,solange haben die meiner Meinung nach vielleicht mit staatlicher Überwachung zu rechnen und nicht mit Mitsprache am staatlichen Erziehungssystem.

Zum Schluss noch was zum Thema Redlichkeit: Der Herr Kardinal hat seine katholischen Schäfchen hier in der preussischen Diaspora per Brief aufgefordert, Pro Reli zu unterstützen. Edles Papier, Farbdruck mit Bildsche. Das kostet Geld. Sicher ein paar hundertausend Euro. Vor einigen Jahren noch war das katholische Erzbistum Berlin aber so klamm, dass sich der Herr Kardinal, ebenfalls per Brief, nicht zu schade war, bei seinen Schäfchen um extra Opfer abseits des Klingelbeutels zu betteln. Pleite, aber wenn wir Kulturkampf spielen können, die Kohle rausblasen für Hochglanzpropaganda. Da stimmem die Verhältnisse nicht.

Lasst die Kinder wenigstens in dieser Stadt gemeinsam und übereinander lernen. Weltanschauliche Trennungen gehören überwunden, nicht zementiert.

Blogs sind doof

Eigentlich wollte ich schon lang ins Bett. Dann hatte ich plötzlich den Drang, noch was hier hineinzuschreiben. So in gewichtig und mit Pathos. Dann bin ich dummerweise mal wieder wie so oft beim Lesen anderer Blogs hängen geblieben. Für länger. Jetzt bin ich endgültig müde.
Ich sollte weniger lesen und mehr schreiben.

Arbiträr pervers?

Ich bin fasziniert von “Natursekt”.

Aus zeichentheoretischen Gründen.

Warum heißt Natursekt “Natursekt”? Zunächst einmal, grenzt dieses Kompositum das Bezeichnete vom Sekt ab. So weit, so klar. Pisse statt Perlwein. Aber irgendwie eben auch Natursekt statt Sekt. Also als ob Sekt nicht natürlich wäre. Ein Produkt aus vergorenem Traubensaft rückt durch den von Fetischisten verwendeten Euphemismus für Urin irgendwie in die Nähe der Unnatürlichkeit. Das finde ich unfair. Vor allem aber blödsinnig. Denn was ist an Urin natürlicher als an Sekt? Stellt Euch mal die Pisse von jemandem vor, der eine Fetischparty lang nur Wodka-Bull gesoffen hat. Das kann kein Natursekt sein. Echt nicht.
Aber ja, ich kann mir denken warum der Unterschied zwischen Auszuscheidendem und Auszuschenkendem über die “Natur” läuft. Sekt wird handwerklich hergestellt. Er reift in Flaschen, die im Lager- und Reifeprozess gedreht werden müssen. Insofern entsteht Sekt doch eher mittels Technik, während die Urinproduktion ohne bewusstes Eingreifen des Menschen funktioniert.

Dennoch hat Urin wenig mit Spumante zu tun. Das Zeug perlt doch gar nicht. Gemeinhin sollten aber solche Umschreibungen folgendermaßen funktionieren: Über Ähnlichkeitsmerkmale. Bestes Beispiel aus der nähren Umgebung: Schwanz im Sinne von Penis. Baumelt halt so am Unterleib zwischen den Beinen. Zwar vorne und nicht hinten wie die eigentlichen Schwänze, aber es geht ja nur um Ähnlichkeiten. Um signifikante allerdings. Ein wichtiges Merkmal am Sekt ist doch die darin enthaltene Kohlensäure. Und die fehlt dem Urin. Es war wohl die Farbe der beiden Flüssigkeiten, die zur Analogie der Bezeichnungen führte. Allerdings hätten die Pissfetischisten dann auch Naturapfelwein sagen können. Immerhin ist Apfelwein wirklich ein Naturprodukt.
Falsch. Also, nicht die Information zum Apfelwein, sondern die Begriffsalternative.
Erstens neigt der Mensch beim Bezeichnen dazu, griffige Schlagworte zu prägen. Natursekt ist prägnanter als Naturapfelwein. Nebenbei muss natürlich auch an die hessischen Pinkelfreunde gedacht werden. “Naturebbelwoi” klingt vielleicht nicht ganz so geil wie “Natursekt”. Andererseits böten sich ganz neue Dirty-Talk-Varianten in der Kombination mit dem Attribut “naturtrüb”… Aber, derlei Gedankenspiel ist müßig, denn:
Zweitens ist das Wort “Apfelwein” nicht nur umständlicher als “Sekt”, Sekt ist auch edler, eventuell gar dekadenter, auf jeden Fall aber feierlicher. Und der Fetisch gehört ordentlich überhöht.

Ich merke gerade, so schwachsinnig, wie ich dachte, ist der Begriff “Natursekt” gar nicht. Und arbiträr gewählt offensichtlich auch nicht.
Mal wieder hat mir die Linguistik weitergeholfen. Toll.

(Ja, ich denke über sowas nach. Und manchmal muss ich es aufschreiben, um beim Denken zu einem Ergebnis zu kommen. Das nicht immer meinem Vorurteil entsprechen muss.)

Björns Radiotheorie

Unter allen Medien hat das Radio einen entscheidenden Vorteil: Die Rezeption geht nebenher.

Ein Buch, eine Zeitung, ein normaler Computer verlangen immer, dass wir unsere Haptik für sie reservieren, wenn wir die in ihnen enthaltenen Informationen rezipieren wollen. Texte lesen geht nun mal nicht ohne umblättern oder URLs tippen.
Dazu kommt, dass Lesen Augen fordert. In ein Buch, eine Zeitung auf einen Computerbidschirm sollte mensch schauen, um das dort angebotene wahrzunehmen. Dasselbe gilt auch fürs Fernsehen.
Radio muss man als Rezipient nur hören. Da kann mensch nebenher kochen oder putzen oder duschen oder sich ums Kind kümmern.

Deshalb will ich mehr Radio. Ich will Blogs vorgelesen bekommen, Twitter als Hörstück, Mails wie Telefonanrufe erhalten. Ich komm nämlich gerade aus einer privaten Umorientierung heraus kaum noch vor den Rechner und damit nicht mehr recht ins Internet. Aber ich habe viel Zeit zuzuhören. Bitte macht mir ein Hör-WWW!

Aber, wenden kluge Menschen hier ein, das Internet als soziales Medium, Blogs und Twitter, sogar Mails leben ja nicht nur vom Rezipieren, die Partizipation ist doch der Clou! Wie willst du denn dann bei deinem Hör-WWW mitmachen?
Ich stelle mir mein Hör-WWW so vor: Ich habe so eine Art Headset aufm Kopp und meine Tweets, meine Blogkommentare, meine Mailantworten und die von mir geklickten Links kann ich über Spracheingabe loswerden.

So hätte ich das Netz gerne. Und sicher gibt es sowas. Ein Freund von einem Freund, hatte als schwer sehbehinderter Mensch an seiner Uni in den USA die staatlich geförderte Möglichkeit, sich alles und jeden Scheiß, den die Hochschule an Medien hatte, entweder vorlesen zu lassen oder als Audiofile zu bekommen. Da brauchte es noch einiges an menschlicher Arbeitskraft, um ihn Texte im weiteren Sinne hören zu lassen. Und Mensch ist teuer. Deshalb wird er wo’s geht durch Technik ersetzt. Die sollte doch in den letzten Jahren viel erreicht haben bei der automatischen Textwiedergabe, -erfassung und -interaktion. Also, raus mit der Sprache: Wer hat’s erfunden, mein Hör-WWW?

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