Die Weihnachtsgeschichte von R.

R. hatte gerade eine Berufsausbildung abgeschlossen damals Zuhause. Dann änderte sich dort das System. Bald war Krieg. R. verfolgt das bis heute. Trauma sagen die Ärzte. R. hat später hier eine Frau kennengelernt und nach ein paar Jahren kam ein Kind. Er hat alles getan für dieses Kind. Außer ihm Grenzen zu setzen. Stundenlang hat er mit dem Kind gespielt, am Tag und in der Nacht. Oft hab ich ihn draußen am Spielplatz gesehen, wie er geduldig das Kind auf der Schaukel geschaukelt hat. Im vorletzten Sommer wurde R eingebürgert. Er wollte das, auch um endlich Arbeit zu finden. Da war das zweite Kind schon unterwegs. Und als es da war, hat R. noch mehr als sonst den Haushalt geschmissen, sich um das große Kind gekümmert, das kleine im Wagen herumgefahren.

Dann war Weihnachten. Und Schnaps. Und dann schlägt er auf seine Frau ein. Sie holt die Polizei. Sie zeigt ihn an. Auch für zwei andere Male aus den Wochen zuvor, bei denen sie die Polizei nicht gerufen hatte. Er bestreitet diese andere Male. Sie zieht mit den Kindern weg in eine andere Stadt. R. darf den Kontakt zu ihr nicht suchen. Er versucht, sich umzubringen, hat aber Schiss davor. Das Jahr wechselt. Er will seine Kinder wieder sehen. Er geht zur Therapie. Er hört mit dem Saufen auf. Konsequent. Kontrolliert durch den Amtsarzt. Er will seine Kinder wiedersehen. Die Anwältin seiner Frau hat Bedenken. Das Jugendamt hat Bedenken. Er kämpft um die Kinder. Er verbockt ein Vorstellungsgespräch. Manchmal geht er bei einem Freund im Laden aushelfen. Meist sitzt er dort nur herum. Wie in der Wohnung, die er penibel sauber hält. Wenn er nicht zur Therapie oder zu den Anwälten geht, um für ein Treffen mit den Kindern zu kämpfen.

Im Herbst darf er für eine halbe Stunde in der fremden Stadt, wo seine Frau mit den Kindern lebt, im Jugendamt unter Aufsicht eines Jugendamtmitarbeiters seine Kinder sehen. Das große Kind freut sich, fasst schnell Vertrauen. Das kleine Kind kann mittlerweile laufen und plappern. Sie spielen 20 Minuten zu dritt. R. hat ein Video davon. R. strahlt seit 10 Monaten zum ersten Mal wieder.

R. muss sich vor Gericht für seine Gewalttätigkeit verantworten. Er gesteht, bittet wiederholt um Entschuldigung und bekommt eine Bewährungsstrafe. In Absprache mit seinem Anwalt bietet er ein symbolisches Schmerzensgeld an. Das Gericht lobt seine Besserungsbemühungen.
Vor wenigen Tagen wird R. mitgeteilt, dass das zweite Treffen mit seinen Kindern abgesagt wurde. Ein Arzt der Frau hatte im Sommer, als sie in einer Reha-Maßnahme war, den Eindruck, dass das große Kind Scheu vor Männern habe. Und nach dem Vater-Kind-Treffen im Herbst hatte es schlecht geträumt. Vielleicht hat es ein Trauma durch den Vater, meinen seine Frau und das Jugendamt.
R. verbringt Weihnachten allein.

Vor dem Spiegel

Müde, ratlos, ungekämmt. So offen unperfekt. Daneben: Müde, rastlos ungekämmt. Wobei, viel zu kämmen, nun ja, wo denn? Und das andere geht gar nicht gleichzeitig? Eben. Und doch. Nervös. Ein Rat- und ein Rastlos. Zwei Nieten. Zum Ausrasten. Haha. Ausraten gibt es nicht. Anraten schon. Du sollst mich nicht mit deinem Rat schlagen. Aber andererseits: Ich weiß auch nicht weiter. Mittel- oder Seitenscheitel?

How to name your Schrebergarten properly

Da liegt doch der Hund begraben!

Märchenstunde 4: Der Wolf und die sieben Geißlein


(Quelle)

Sollte hier überhaupt noch irgendjemand lesen und sollte diese Person je nicht Spreeblick lesen (was ich sehr schade fände, ich bin nämlich gern Mitautor dort), dann mag diese Information neu sein:
Es gibt eine vierte Märchenstunde von Max und mir! Gut, eigentlich ist es die fünfte und sie ist auch nur eine halbe Stunde lang, auch weil ich das Märchen doof finde, aber hey!

Mehr erfahrt ihr im Podcast:
Märchenstunde 4 – Der Wolf und die sieben Geißlein

Märchenstunde 3: Vom Fundevogel

Irgendwo bei Sekunde 38 frage ich Max, ob die Aufnahme denn trotz des starken Windes okay werden würde und er sagt sowas wie “klar, kein Problem”. Jetzt, so einige Wochen später, wurde klar, was für ein großes Problem Wind auf einer zu leisen Aufnahme ist. Und so drehte Max an Filterchen, spielte mit Knöpfen und rettete was zu retten war. Also hier das Ergebnis, ohne große Umschweife, die dritte Märchenstunde, mit dem Märchen “Vom Fundevogel” (vorgeschlagen von lilly.). Mit Max und mir und dem Wind.

P.S.: Der fast schon märchenanalytische hintergründigere Teil des Gesprächs entstand unter dem Eindruck dieses Vortrags.

Märchenstunde 3 - Vom Fundevogel

Das Bild hat René märchenhaft für uns gezeichnet.

Männlich, bärtig, jung sucht.

Auf dem Politcamp09 war es DAS Flurthema. Nun tauchte es immer öfter in meiner Twittertimeline auf. Die deutsche Online-Elite prokrastiniert mit Onlinedating. OKCupid.com, der kostenlose Datingservice2.0 ist der neue heiße Shice.
Wobei, das Portal gibt’s ja schon eine Weile. Nur in Deutschland hat es angeblich erst gerade mal 100.000 User.
Das besondere daran ist übrigens, dass es so anders ist als übliche Datingseiten (achso…?). Das muss ich testen.
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terremoto

Ist schon komisch, mit unserem Mitgefühl. So richtig nahe gehen uns Sachen immer dann, wenn wir einen persönlichen Bezug haben.

1997 im September sind meine Tante und Onkel mit ihren damals kleinen Kindern in ihrem Ferienhaus in Umbrien. Die circa zweihundert Jahre alte Ruine und damit meine Verwandschaft überlebt das schwere Erdbeben, dessen Epizentrum keine 50 Kilometer entfernt ist und bei dem halb Umbrien und die Marchen inklusive unwiederbringlicher Kulturschätze in Trümmer zerfallen, viele Menschen Heim, Hab und Gut verlieren und 12 von ihnen sterben.

31. Oktober 2002. Seit rund vier Wochen lebe ich nun unweit von Pescara am Rande des Apennin. Ich befinde mich in einem Keller als die Erde bebt. Das Epizentrum liegt dieses Mal in Molise, rund 130 Kilometer entfernt. 30 Menschen, darunter eine komplette Grundschulklasse, sterben. Ich habe vom Hauptbeben nichts mitbekommen, vielleicht, weil Beben unter der Erde nicht so zu spüren sind? Ich weiß es nicht. Aber die Nachbeben reißen mich aus dem Bett, vom Schreibtisch. Dieses widerliche Schaukeln, wie auf einem Schiff, dass aber keines ist. Die Erfahrung, dass der Erdboden keine Sicherheit bietet. Viel unangenehmer: Das geht alles so schnell. Immer nur ein paar Sekunden. Gar keine rechte Zeit, was zu tun. Fliehen oder so. Ich wohne damals in einem mehrstöckigen Mietshaus an einem Steilhang. Unschönes Gefühl.
Dazu die Trauer um mich herum. Viele, mit denen ich hier zu tun habe, kommen aus Molise, haben Bekannte in San Giuliano di Puglia, wo die Kinder starben und auch sonst das Beben am schlimmsten war.

L’Aquila, wo nun die Erde bebt(e), liegt geographisch zwischen den beiden vorangegangenen Beben in Mittelitalien. Ich habe abgesehen von diversen Durchfahrten und einem Ausflug zum Gran Sasso keinen direkten Bezug dorthin. Aber drum herum. Zeitlich wie örtlich. Mir geht diese Katastrophe näher als andere. Unlogisch, so sind Emotionen.

Ich will helfen. Aber wie? Bei Facebook gibt es eine entsprechende Gruppe. Da kann ich mich solidarisch zeigen. Nun gut… Dort gibt es Adressen von Blutspendestationen in der Gegend. Ich bin aber in Berlin (wobei auch hier eine Blutspende helfen kann). Und es gibt ein Spendenkonto des Italienischen Roten Kreuz. Auslandsüberweisung nach Italien sind nicht so schwer. Immerhin.

Stroh zu Gold

… können wir zwar auch (noch) nicht machen, aber Sascha Lobo und wir von Twitkrit sind die Meister der Verwandlung von auf 140 Zeichen begrenzter Sprachkunst in einen bunten Abend aus Kalauern, pubertärem Humor, Insiderwitzen und versteckten Perlen.

Wir nennen das Twitterlesung. Und die gibt es das nächste Mal zur re:publica am Donnerstag. Und auch wenn die re:publica ausverkauft ist, wir lesen Tweets für alle!

Wie gesagt: am Donnerstag, ab 21 Uhr, in der Kalkscheune, schon wieder in Berlin.

Märchenstunde 2: Der Froschkönig

Es war einmal vor nicht allzulanger Zeit, da saß Max mit mir in meinem gemütliche Kaminzimmer und wir lasen wieder ein Märchen. Dieses Mal haben wir uns den Froschkönig vorgenommen. Und was soll ich sagen?

Dieses Märchen ist provokant, wenn nicht gar pervers. Schokierende Textanalyse plus wissenswerte Nebenfakten über die Brüder Grimm, griechische Lehnwörter, Äpfel und ein paar andere Dinge in unserer zweiten Märchenstunde.

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