Spring in der Stadt

Die ersten Tage, die so etwas wie frühlingshaft sein könnten, schaffen es ja regelmäßig, dass alle alle wieder aus ihren Löchern kommen und die meisten etwas netter schauen als in den Wochen und Monaten zuvor..

Gestern habe ich die erste arme Sau aus einer Drückerkolonne an der Wohnungstür abgewiesen. Den Winter über war Ruhe. Er war cooler als ich. “Jetz schaunse doch nich so schlecht jelaunt, der Herr, ick mach ihnen ja nüscht.”
Heute saßen am Gendarmenmarkt schon welche fürs Feierabendbier draußen. Ohne Heizdecke und sicher kälter als die Obachlosen, die seit zwei Tagen auf dem riesigen Abluftgitter auf meinem Heimweg sich die Hintern warm sitzen und eine gemütliche Party feiern.
Am Hauptbahnhof eine Clique Mädchen in Sommeroutfits gesehen. Sie nicht auf die Gefahr der Blasenentzündung hingewiesen.
Aber am besten fand ich den Freak, der am U-Bahnhof Friedrichstraße das Mikro in seiner Gewalt hatte und wirres Zeug laberte, statt das übliche “Einsteigen bitte - Zurückbleiben bitte”

Ich jedenfalls hab mich gefreut. Weiß nicht, ob ihr das nachvollziehen könnt.

DISCO! DeeJay! Graffiti! LEGO!!!

Jaja, ich bin nicht der Typ mit dem Tigerfell und der Pornobeleuchtung in der Wohnung und vielleicht ist das alles auch schon aaaaalt. Aber:

Brickfilme, die ich noch nicht kannte und für alle was bieten. Zeitmaschine und Goethe. Oder eben DISCO! DeeJay! Graffiti! LEGO!!!:


DirektDiscoDeeJayGraffitiLego

Entdeckt auf Empfehlung meines Bruders. Gemacht von diesen Menschen. I like it.

Pein am Pissoir

Eigentlich mag ich Pissoirs.
Im Kino hängt da oft pseudopassende aber irgendwie unterhaltsame Werbung. Im Fußballstadion machen angetrunkene Kuttenfans Sprüche zur Penislänge der Pinkelnachbarn. In vielen Kneipen sind da so kleine grüne Plastikgitter eingebaut, auf denen ein Tor steht, in das mann einen kleinen Ball pullern kann, der auffällig oft orange ist (gibt es aber auch in gelb oder blau). Auf Familienfesten ist das der Ort, an dem es einerseits peinlich ist, den ganzen Verwandten so nackt zu begegnen, anderseits lockert dieses Schangefühl auch irgendwie die claninternen Hierarchien auf, wenn mann da so in Reih mit Glied in der Hand steht.

Unschön aber ist der Gang aufs Pissoir bei Veranstaltungen, die “interessierte” Rentner besuchen. Beispielsweise philosophische Ringvorlesungen oder Gastvorträge berühmter Vertreter der klassischen Archäologie. Da triffst Du im Kloraum auf Männer, die vor lauter Humanismus im Hirn ab Mitte 60 nicht mehr so recht können. Die Armen stehen dann vorm Becken und mühen sich trotz knallvoller Blase nur schmerzhaft ein paar Tropfen ab, brauchen ewig beim Einpacken und tattern dabei derart, dass dann dumerweise doch so ein Fleck sich am unteren Ende des Hosenschlitzes auf der khakifarbenen Hise ausbreitet. Dann nesteln sie, mitten im engen Raums stehend und peinlich von ihrem mitleidserregenden Gebahren berührt, unendliche Minuten am Reissverschluss, um endlich den Wollpollunder möglichst tief über die Hose zu ziehen, damit außerhalb der Toilette keiner ihr Malheur bemerken möge. Oft waschen sie sich dann ihre Hände nicht. Wenn doch, dauert es ewig, was die Waschbecken blockiert.
Da bleibt die Würde des Alters vor der Klotür. Die Angst vor der Vergreisung aber nimmt dem eigenen Urinieren die Erleichterung.

Bus am Abend

Die Frau, die komplett in Fleecestoff gekleidet einen kleinen Hund in ihrer großen Handtasche trägt und einen Schalenkoffer hinter sich her zieht, kommt nicht damit klar, dass die insgesamt fünf Kinder der zwei ebenfalls einsteigenden Mütter um sie herumwuseln, als sie den Bus betritt und verzweifelt versucht, den Koffer in der Nähe einer der Sitze für Senioren/Gehbehinderte/Versehrte/Schwangere abzustellen. Nicht dass sie schelcht zu Fuß wäre, aber da gibt es eben auch Platz für den Koffer. Nach drei Versuchen, sich und ihren Koffer zu verstauen, die immer wieder von wuselnden Gören vereitelt werden, wird sie beinahe laut. Dann verkriecht sie sich in ihrem Sitz und heult sich bei ihrem paralysiert drein schauenden Hund aus.
Im Fußraum der mittleren Bustür liegt ein Brief von der Rentenkasse.

Konterrevolutionär Pinkeln

rosaspuelungJedesmal, wenn ich vor der Personaltoilettentür stehe, vergesse ich, dass sich ihr Dasein als Personaltoilette dadurch auszeichnet, dass sie abgeschlossen ist. Dann zücke ich also den Schlüssel und denke beim Aufschließen, wie bescheuert ich hierarchisch organisierte Toiletten finde.
Wenn ich dann nach Verrichtung der Notdurft die Personaltoilette wieder verlasse, schließe ich brav wieder ab,weil ich aus Angst vor der Autorität nicht wage, gleiche Klos für alle zu schaffen.

Manchmal scheitert die Emanzipation von den Strukturen schon im Kleinen.

Keiner nimmt Notiz

Ich laufe. Ich laufe durch das Weiß. Kein Brautkleid. Ich laufe im falschen Licht der Gaslaternen, laufe durch fahle weiße Unwirklichkeit. Nur die rasende Unruhe, der schnelle Schritt, der pochende Puls, die wild suchenden Augen, die sind echt. Ich laufe weg. Blut, das den Manschettenumschlag des linken Hemdärmels dunkelbraun verkrustet, tropft. Blutstropfen im Schnee, das Herzeleid.
Ich blute und keiner nimmt Notiz.
In der Stadt, deren Sprache ich nicht verstehe. In der ich ohne Dich nicht bin.
Ich laufe schneller, wen soll ich schon bitten. Um was. So fern ist eine zarte hand auf meinem blanken Arm. Ich weine, aber keiner nimmt Notiz. Das Wimmern bleibt im Halse stecken. Ich habe Angst und kann kein Wort weiterdenken.
Ich laufe. Einen schleppenden Takt und doch immer schneller, gewaltsam beschleunigt, einer treibend-aggressiven Melodie im Geiste folgend, verfolgt.
Nichts außer mir verfolgt mich, keiner nimmt Notiz. Ich schreie und höre nichts und kann kein Wort weiterdenken.
Kein Ort mehr. Bin schon lange vor den Toren. Außerhalb der Stadt, deren Sprache ich nicht verstehe, ist alles monochrom. Keine Markierung in der Topographie für mich. Ein einziger Wald, ein großes Gestrüpp.Keine Lichtung, ein Abhang. Eis.
Ich falle.
Dumpf.

Und dann ein Moment der Ruhe. Kein Schmerz, So kalt, so warm.
Es war nur ein Moment.
Du Schlampe.

Allein

Ich will nicht mit euch sein im grellen Neonlicht der Stadtbahnzüge. Ich will nicht sehen, wie schlecht eure Haut ist unter der billigen Schminke. Im Dunkel der Bar wart ihr schöner. Ich will nach dem Moment, an dem der nächste Drink zu viel wäre, an dem klar ist, dass ich heute wieder alleine den Laden verlasse, an dem nur noch die ärmsten der armen Seelen weiter verzweifelt feiern, nicht in die Helligkeit mit euch.
Schlimm genug, mit euch und euren Spumanteflaschen am Anfang dieser Nacht in diesem Zug gesessen zu sein. Jetzt will ich die Nervosität der Nacht, die trunkene Traurigkeit nicht mit dem Gestank von eurem Schweiß, eurem verrauchten Atem voller Süße aus zu zuckrigen Cocktails, eurer Kotze und der kreischenden Helligkeit der Bahnwaggons erschlagen.
Ich will der Nacht nachhängen im künstlichen Leder des Beifahrersitzes eines überhitzten Taxis. Will die Stadt an mir vorbei rauschen lassen und im dämmrigen Gelb der Tunnels schweben und mir versteckt hinter dem Schleier der konsumierten Spirituosen die Obszönitäten, die in Geschichten in solchen Bars am Ende der Nacht geschehen, mit mir als Hauptfigur ausmalen, bis das Taxi viel zu früh an einer Adresse anhält, die ich nannte, weil ich dort Schlüssel für eine Wohnung habe.

Ich will mit euch nichts zu tun haben.

Märchenstunde 1: Frau Holle

Max Winde, berühmter Twitterer und erfahrener Podcaster, hat sich mit mir zusammengesetzt, um mit mir uns allen das Märchen von Frau Holle auszulegen.

Warum Selbstmordversuche gegen Klimaerwärmung helfen können, wieso Äpfel keine Münder haben, was zum Teufel eigentlich Pech ist und wieso man in Gegenwart eines Germanisten nie unbedacht „damals“ sagen darf, könnt ihr auch noch in unserem ersten Podcast bei Spreeblick erfahren.

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(cc-by-nc-sa)

orangenhaut

heute in der bahn auf dem weg zur arbeit saß mir eine orangene frau gegenüber. orangene mütze, orangener pulli, orangener shawl, orangene haut, orangene fingernägel, orangene applikationen auf der braunen ledertasche, einen rostroten poncho mit orangenen fäden. der rest war farblich passend in warmen rot- und brauntönen. oder gelb wie ihre zähne.

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